Der Elfentanz

(Rubrik: Märchen)


Katrin Dinges


Weiße Nebelschleier tanzten über dem See. Die Bäume des Waldes ringsum waren nur noch als schwarze Schatten zu erkennen. Der Mond beleuchtete eine einsame Lichtung. Die Luft war klirrend kalt und die Sterne funkelten hoch und fern silbern am schwarzblauen Firmament. Eine Eule schrie, doch sonst war alles ruhig.

Plötzlich störte ein leises Rascheln die tiefe Stille. Mehrere Gestalten huschten zwischen den schwarzen Baumschatten hervor und begannen im Nebel über dem See zu wirbeln. Es waren die Waldelfen, die dort in der klaren Winternacht ihren Reigen tanzten. Sie schwebten über den weißen Nebeln, ihre Gewänder waren von der gleichen Farbe. Ihre Füße benutzten die weichen, weißen Nebelschleier als Tanzboden. Sie sangen und lachten, drehten sich, sprangen und wiegten sich im Takt der Windharfen, die einige von ihnen mit sich führten. Der Klang war überirdisch schön und sie genossen den Tanz in der kalten, klaren Nacht. Sie fühlten sich in diesem Element zu Hause und ihr Innerstes tanzte mit ihren Füßen in vollkommener Harmonie.

Eine von ihnen jedoch hob sich etwas von der Gruppe ab. Sie hieß Paclia, war besonders klein und zierlich von Gestalt und noch ein Neuling unter den Tänzerinnen. Sie hatte die Kunst, wie man auf dem Nebel schwebt, noch nicht bis zur Vollkommenheit erlernt und hatte ständig Mühe, nicht einzusinken oder gar im Wasser des Sees zu landen. Auch beherrschte sie noch nicht alle Regeln und Schritte und nahm sich daher unter ihren eleganten Tanzgefährtinnen etwas ungelenk aus. Sie warfen ihr spöttische Blicke zu und lachten über sie. "Schaut nur, wie ungeschickt sich Paclia noch anstellt!", rief eine der älteren Elfen. "Da ist ja selbst Irica noch eine bessere Tänzerin!" Alle lachten schallend. Alle bis auf Paclia und Irica, eine der ältesten Elfen, die nicht mehr so gelenk und elegant tanzen konnte wie die anderen und deshalb ständig von ihnen aufgezogen wurde. Gegen ihren Willen musste sie sich jedoch eingestehen, dass es schön war, einmal nicht allein die Zielscheibe des Spotts der anderen abgeben zu müssen. Paclia selbst wäre vor Scham am liebsten zurück in den Wald geflüchtet, aber diese Genugtuung wollte sie den anderen nicht auch noch verschaffen. Stattdessen versuchte sie, sich zu verteidigen: "Ihr habt gut Reden!", rief sie. "Ihr tanzt schon Jahrtausende auf dieser Lichtung im Nebel über dem See! Ich habe gerade erst begonnen! Wie soll ich da schon alles wissen und können, was ihr wisst und könnt?!" In ihrer Empörung achtete sie nicht darauf, wohin ihre Füße sie trugen und geriet promt einer anderen Tänzerin in die Quere. Diese gab ihr einen ärgerlichen Stoß, der sie ein gutes Stück weit über den See taumeln ließ, so dass sie Mühe hatte, oberhalb des Nebels zu bleiben. "Pass lieber auf, wo du hinhüpfst!", fuhr die Ältere sie an. "Bevor du uns mit deinen hochnäsigen Sprüchen und deiner Ungeschicklichkeit den Tanz verdirbst, lern lieber, wie es richtig geht!" Beschämt und gedemütigt schoss Paclia davon, verfolgt vom Gelächter der anderen Elfen. Nur mühsam hielt sie die Tränen zurück, bis sie unter den ersten Bäumen am Rand der großen Lichtung Zuflucht gesucht hatte. Dort setzte sie sich in eine Astgabel und weinte bitterlich. Eigentlich hatte sie ja gewusst, dass sie noch nicht hätte tanzen sollen. Ihr war schon klar gewesen, dass sie im Grunde genommen noch nicht so weit war. Aber sie hatte sich so danach gesehnt, auch einmal über dem Nebel zu tanzen, dass sie alle Vorsicht in den Wind geschlagen hatte. Und nun hatte sie sich für immer blamiert. Niemand würde ihr mehr erlauben, über dem Nebel zu tanzen, selbst wenn sie mit der Zeit Fortschritte machen und besser werden sollte. Eigentlich hätte sie es wirklich besser wissen müssen. Trotzdem war es ungerecht und demütigend gewesen, von allen ausgelacht und verspottet und von niemandem verteidigt zu werden. Was sollte sie jetzt nur tun?

Das kleine Mädchen aus der Stadt stolperte durch den finsteren Wald. Sie fürchtete sich entsetzlich. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals solche Angst gehabt zu haben; selbst dann nicht, als sie ihre Mutter am Treffpunkt nicht hatte finden können. Sie hatte im Wald Schutz suchen wollen. Aber dann hatte sie sich verirrt und jetzt war es so finster geworden, dass sie kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte. Sie wusste erst recht nicht, wo sie war oder wie sie sich je wieder zurecht finden sollte. Sie wusste nur, dass sie erfrieren würde, wenn sie sich jetzt hinlegte und ausruhte. Trotz ihrer Erschöpfung und der schmerzenden Füße ging sie immer weiter und weiter und weiter. Sie stolperte durch die Dunkelheit. Dornen zerkratzten ihr das Gesicht, Äste schlugen ihr an den Kopf. Ihr Fuß verhakte sich an einer Baumwurzel. Sie fiel hin und stand wieder auf. Kleine Zweige, Blätter und Kletten verfingen sich in ihrem Haar und an ihrer Kleidung. Dornenranken zerrten daran. Sie weinte vor Verzweiflung und taumelte doch immer weiter. Ja nicht stehen bleiben, ermahnte sie sich immer und immer wieder. Ja nicht ausruhen. Nur immer weiter gehen. In Bewegung bleiben. Vielleicht würde sie morgen zurück finden, wenn es hell wurde und sie besser sehen konnte, wohin sie ging.

Auf einmal schien die Dunkelheit des Waldes nachzulassen. Zu ihrer großen Erleichterung trat sie auf eine Lichtung mitten im Wald hinaus. Hier konnte man den Mond scheinen sehen und wenigstens ein bisschen etwas erkennen. Die Lichtung war zwar von allen Seiten von dichtem, dunklem Wald umgeben, aber in der Mitte befand sich eine große Wasserfläche, die im Mondlicht schimmerte. Nebel hatte sich über dem See gebildet und schimmerte weiß im silbrigen Mondlicht. Sie konnte nicht richtig erkennen, was die seltsamen Wirbel im Nebel verursachte, aber sie hörte eine überirdisch schöne Musik. Wie verzaubert stand sie da und lauschte. Alle Angst war vergessen. Es gab nur noch diese wunderschöne Musik und die Nebel, die über dem See tanzten.

Sie wusste nicht, wie lange sie so gestanden hatte, als die Musik für einen Moment aussetzte und sie über sich ein Geräusch hörte. Erschrocken fuhr sie zusammen und schaute nach oben. Sie konnte nichts sehen, nur schwarze Finsternis. Schlagartig war ihre Angst wieder da, heftiger denn je. Mit rasend pochendem Herzen wartete sie und fürchtete jeden Moment, von einem wilden Tier oder einem bösen Waldgeist überfallen zu werden.

Paclia hatte das kleine Menschenmädchen schon eine ganze Weile beobachtet und gemerkt, dass es anfangs genauso verängstigt und verzweifelt gewesen war wie sie selbst, wenn auch wahrscheinlich aus einem ganz anderen Grund. Es kam immer wieder vor, dass sich Menschenkinder im Wald verirrten, von ihrem Volk entdeckt und zurück gebracht oder, falls das nicht möglich war, von ihnen aufgenommen und erzogen wurden. Diesem Kind schien etwas ähnliches passiert zu sein. Sein Gesicht war genauso tränenüberstörmt wie ihr eigenes. Auch vom Alter her mochten sie, gemessen an den jeweils unterschiedlichen Zeitmaßen, die bei ihren Völkern herrschten, ungefähr gleich weit gediehen sein. Paclia beobachtete von ihrem luftigen Sitz in der Astgabel aus, wie das Menschenmädchen die tanzenden Elfen über dem See beobachtete. Richtig sehen konnte sie sie wohl nicht. Dazu waren die Nebel zu dicht und die Augen von Menschen waren nicht dafür geschaffen, das Wesentliche wahrzunehmen und die Nebelwirbel, die die Elfen beim Tanz erzeugten, genau zu betrachten, so dass sie hätten erkennen können, was sie in Wirklichkeit waren. Aber sie musste die Musik der Windharfen gehört haben. Plötzlich schlug Paclia das Herz bis zum Hals. Vielleicht konnte sie ja doch noch ihre angeknackste Würde wiederherstellen! Verirrten Menschenkindern zu helfen, galt bei ihrem Volk als eine sehr wichtige und nützliche Aufgabe. Wer sie erfüllte, genoss hohes Ansehen. Vielleicht würde sie es schaffen, zwar nicht als elegante, anmutige Tänzerin, aber zumindest als wohltätige Helferin der Menschenkinder anerkannt zu werden. Aber wie stellte man es an, das Vertrauen eines Menschenkindes zu erwerben, so dass es sich von einem helfen ließ? Zu ihrer Bestürzung wurde ihr klar, dass sie auf diesem Gebiet noch unerfahrener war als beim Tanzen. Sie wusste nicht, wie sie beginnen sollte. Ja, sie kannte nicht einmal die Art, wie man mit Menschenkindern sprechen musste, damit sie einen verstanden. Man hatte ihr zwar einmal erklärt, das komme von ganz allein, bei jedem Menschenkind sei es anders und man müsse in jeder Situation eine neue Möglichkeit finden, miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber ob das wirklich stimmte? Und wenn nicht, wie konnte sie es dann schaffen, sich dem Menschenmädchen verständlich zu machen und sein Vertrauen zu gewinnen? Doch bevor sie weiter darüber nachdenken oder zu einer Entscheidung kommen konnte, wehte ein kräftiger Windstoß die Astgabel hoch, auf der sie saß und sie wäre beinahe heruntergefallen. Erschrocken schnappte sie nach Luft und klammerte sich fest. Im gleichen Moment schrak das Menschenmädchen zusammen und schaute hoch. 'Sie muss etwas gehört haben', dachte Paclia. Mit angehaltenem Atem saß sie still und wartete. Was würde jetzt geschehen?

Sie starrte mit angehaltenem Atem nach oben. Ihr Herz raste und sie erwartete jeden Moment, dass etwas Großes, Gefährliches aus dem Dunkel auf sie herabspringen und seine Klauen oder Fangzähne in sie schlagen würde. Ihr wurde plötzlich auch bewusst, dass sie entsetzlich fror und so stand sie zitternd vor Angst und Kälte wie angewurzelt da und wagte nicht, sich zu rühren. Ganz langsam gewöhnten sich ihre Augen an das vom Mondschein erzeugte Dämmerlicht und sie bemerkte einen leichten, weißen Schimmer irgendwo in den Ästen hoch über sich. Es bewegte sich nicht. War es ein weiterer Nebelfetzen? Aber nein, das konnte nicht sein. Dann hätten hier ja überall welche sein müssen, oder? Ratlos starrte sie hinauf. Was sollte sie tun? In den Baum klettern und nachsehen? Aber wie sollte sie das im Dunkeln anstellen? Vielleicht konnte sie erst einmal rufen und schauen, was dann passieren würde. Ja, das war eine gute Idee. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und rief leise: "Hallo? Ist da jemand?" Nichts geschah. Der Wald war so still wie zuvor. Dafür hatte hinter ihr die Musik wieder eingesetzt. Vielleicht hatte sie sich das Geräusch doch nur eingebildet? Aber wo kam dann der kleine weiße Fleck hoch oben im Baum her? Sie holte tief Luft und rief noch einmal, diesmal etwas lauter: "Hallo? Wer ist da oben?"

Paclia hatte mit angehaltenem Atem gewartet und war vor Schreck fast vom Baum gefallen, als sie plötzlich die Stimme des Menschenmädchens gehört hatte. Sie stellte fest, dass das Menschenmädchen eine Art Dialekt der Waldgeistsprache verwendete. Sie würde Paclia also sehr wahrscheinlich verstehen können. Doch was sollte sie zu ihr sagen? Die Frage erübrigte sich zum Glück, als das Menschenmädchen ein zweites Mal rief. So behutsam sie konnte, um das Menschenmädchen nicht zu erschrecken, rief sie zurück: "Hab keine Angst. Ich bin eine Waldelfe und heiße Paclia! Und wer bist du?!"

Das Mädchen fuhr heftig zusammen, als sie die Antwort hörte. Aber gleichzeitig war sie auch erleichtert. Es tat gut, eine Stimme zu hören und zu wissen, dass sie nicht allein in diesem großen, dunklen, unheimlichen Wald war. Die Waldelfe hatte einen merkwürdigen Akzent. Es klang fast wie ihre eigene Sprache - und doch war es nicht dasselbe. Aber sprachen Elfen denn wie Menschen oder wenigstens so ähnlich? Sie gestand sich ein, dass sie eigentlich überhaupt nichts über Elfen wusste. Bisher hatte sie immer geglaubt, Elfen seien bloß Fabelwesen aus Märchen, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Aber dieses Wesen im Baum hatte gesagt, es sei eine Elfe. Also musste es ja doch Elfen geben, überlegte sie. Nur ... wie sprach man mit einer Elfe? Ihr fiel ein, dass die andere gesagt hatte, sie heiße Paclia. Ein seltsamer Name. Und trotzdem gefiel er ihr. Und sie hatte ganz vergessen, dass Paclia sie auch nach ihrem Namen gefragt hatte. Plötzlich brach mit der Erleichterung, zu wissen, was sie sagen konnte und endlich wieder jemanden zu haben, mit dem sie reden konnte, alle Angst und Verzweiflung der letzten Stunden über sie herein. Sie begann erneut zu weinen. "Ich bin Celine", schluchzte sie. "Und ich habe mich im Wald verlaufen. Ich weiß nicht, wo ich bin und wie ich wieder zurück finden soll. Und es ist so kalt und dunkel." Paclia spürte Mitleid mit Celine in sich aufsteigen. Es musste schrecklich sein, stundenlang im Wald herumzuirren und dort in völliger Dunkelheit mutterseelenallein zu sein, wenn man das nicht gewohnt war. Sie dachte daran, wie einsam und ausgeschlossen sie sich selbst vorhin gefühlt hatte, als alle über sie gelacht hatten. Celine musste sich ähnlich fühlen. Aber immerhin hatte sie, Paclia, noch gewusst, wohin sie sich wenden sollte, auch wenn sie sich ausgeschlossen und verletzt gefühlt hatte. Das, was Celine in den letzten Stunden durchgemacht hatte, musste noch viel schlimmer gewesen sein. Schnell schwebte sie vom Baum herunter und stand zu Celines Überraschung plötzlich als kleine, schneeweiß gekleidete Gestalt direkt neben ihr. Celine war so verblüfft, dass sie vergaß zu weinen. "Wie bist du so schnell vom Baum heruntergeklettert?", fragte sie. "Ich bin nicht geklettert", erwiderte Paclia. "Aber wie hast du es dann gemacht?", wollte Celine wissen. "Ich bin geflogen", erklärte Paclia. Für sie war es das selbstverständlichste von der Welt. Aber Celine bekam vor Staunen große Augen. "Geflogen?", fragte sie ungläubig. "Aber wie kannst du das machen? Ich kann nicht fliegen, auch wenn ich's gern können würde." "Gib mir deine Hand", sagte Paclia. "Dann zeige ich es dir." Celine streckte ihr zögernd die Hand hin. Paclia ergriff sie und erhob sich leicht wie eine Feder in die Luft. Celine wurde mitgezogen und schrie erschrocken auf. "Hab keine Angst", sagte Paclia und legte den Arm um sie. Es war schwieriger, als sie gedacht hatte, mit einem Menschenkind an ihrer Seite zu fliegen. Sie schob Celine daher auf ihren Rücken und rief ihr zu: "Halte dich gut fest!" Celine schlang die Arme um sie und wurde immer höher und höher getragen. Es war ein berauschendes Gefühl. Sie vergaß ihre Angst, die Verzweiflung, die Dunkelheit, ja, sogar die Kälte. Bald waren sie hoch genug, um von oben auf den Nebel herabschauen zu können. Jetzt erkannte Celine auch, was die Wirbel im Nebel erzeugte. "Da sind ja noch andere Elfen!", rief sie überrascht. "Natürlich sind da noch andere Elfen", erwiderte Paclia empört. "Es gibt Tausende von uns. Aber die Menschen bemerken uns meist nicht, weil wir uns ihnen nicht so gern zeigen und weil sie meistens nicht richtig hinschauen. Du hast es ja auch erst nicht erkannt, hab ich recht?" "Ja, das stimmt", sagte Celine. "Aber warum zeigt ihr euch den Menschen nicht so gern? Ihr seid wunderschön und ihr habt so schöne Musik. Die Menschen würden euch ganz bestimmt mögen." "Nein, das glaube ich nicht", erwiderte Paclia ernst. "In den Augen der Menschen sind wir doch nur Sagengestalten, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Wir kommen höchstens in Märchen vor, die man den Menschenkindern erzählt, damit sie abends besser einschlafen können. Aber über unser wirkliches Dasein wissen sie überhaupt nichts und machen sich auch keine Gedanken darüber." "Das stimmt", gab Celine zu. "Ich habe dir auch erst nicht richtig geglaubt, als du gesagt hast, du bist eine Elfe." "Siehst du", sagte Paclia. "Und so geht es allen Menschenkindern, die sich im Wald verlaufen. Sie glauben zuerst nicht, dass es uns überhaupt gibt und wollen sich nicht von uns helfen lassen." "Wie könnt ihr den Menschenkindern denn helfen?", fragte Celine neugierig. "Na ja, wenn sie sich verlaufen haben, können wir ihnen zum Beispiel dabei helfen, den Weg zurück in die Stadt und zurück zu ihren Eltern zu finden", erklärte Paclia. "Das könnten wir auch für dich tun. Ich brauche dafür aber Hilfe von anderen Elfen, die sich darin auskennen, denn ich bin noch jung und habe noch nicht so viel gelernt. Außerdem habe ich so etwas noch nie gemacht. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Deshalb muss sie gut und richtig erledigt werden. Sonst funktioniert es nicht und ich bringe dich am Ende vielleicht noch in die falsche Stadt." "Muss man denn bei den Elfen auch in die Schule gehen?", wollte Celine wissen. "Also, ich weiß nicht, wie eure Menschenschule ist, aber bei uns gibt es eine ganze Reihe von Elfen, die die jüngeren in die wichtigsten Aufgaben einführen, zum Beispiel ins Tanzen, in die Heilkunst, die Nahrungssuche, den Austausch mit anderen Waldgeistern oder in die Aufgabe, uns um Menschenkinder zu kümmern. Aber üben und uns ausprobieren und herausfinden, was das Richtige für uns ist, müssen wir dann schon selbst. Dabei hilft uns niemand mehr, denn das können wir nur ganz für uns allein entscheiden." "Und du hast alles schon gelernt und jetzt hast du angefangen, das auszuprobieren?", fragte Celine. "Ja, genau", sagte Paclia. "Aber ich habe schon herausgefunden, dass die Heilkunst und die Nahrungssuche nichts für mich ist. Und heute habe ich beim Tanzen alles vermasselt", fügte sie traurig hinzu. "Ich werde also auch keine großartige Tänzerin werden. Dabei habe ich mir das so schön vorgestellt." Sie seufzte sehnsüchtig. "Was ist denn passiert?", wollte Celine wissen. "Warum wolltest du unbedingt Tänzerin werden und warum hat es nicht geklappt?" "Es hat nicht geklappt, weil ich noch nicht gut genug geübt habe und alle mich ausgelacht haben, nur weil ich noch nicht so gut war wie sie", sagte Paclia verbittert. "Und Tänzerin wollte ich werden, weil bei uns die Tänzerinnen besonders hohes Ansehen genießen. Nur sie dürfen nachts aus den Verstecken kommen und im Nebel über dem See tanzen. Das ist der Traum jeder jungen Waldelfe. Aber meiner ist auf jeden Fall ausgeträumt. Eine zweite Chance werde ich nicht bekommen. Außerdem hatte ich nicht gedacht, dass die Tänzerinnen so hochmütig und eitel sind und Neulinge verachten, nur weil sie noch nicht so geschickt sind wie sie. Aber ich glaube, ich verstehe jetzt, warum es heißt, eine Tänzerin zeige ihr Talent beim ersten Tanz im Mondschein. Das heißt: Entweder man ist von Anfang an begabt und kann alles oder eben nicht. Und wenn nicht, dann hat man auf der Waldlichtung auch nichts zu suchen." "Das tut mir leid", sagte Celine. "Aber du findest bestimmt eine andere Sache, die du besser kannst und die dir Spaß macht." "Ja, das denke ich auch", sagte Paclia. Celines Mitleid und Verständnis taten ihr gut und ihr Entschluss, sich künftig der Aufgabe, Menschenkindern in Not beizustehen, zu widmen, wurde dadurch nur noch fester. "Komm", sagte sie zu Celine. "Ich bringe dich zu den erfahrenen Elfen. Dort wird sicher jemand wissen, wie du zurück zu deinen Eltern kommen kannst." "Aber ich habe doch gar keine Eltern", protestierte Celine. "Deshalb bin ich ja in den Wald gelaufen. Damit sie mich endlich in Ruhe lassen." Unvermittelt kam die Erinnerung an all das, was sie in letzter Zeit durchgemacht hatte, wieder zurück und sie brach erneut in Tränen aus. Paclia landete mit ihr in der Astgabel einer alten Ulme und wandte sich ihr zu, nachdem sie Celine geholfen hatte, sich bequem und sicher hinzusetzen. "Was meinst du damit, dass du keine Eltern mehr hast?", fragte sie vorsichtig. "Sie sind vor einer Weile weg gegangen", erklärte Celine. "Mein Vater ist im Gefängnis und meine Mutter hatte kein Geld, um für uns alle Essen zu kaufen. Da hat sie mich zum Betteln in die Stadt geschickt und als ich abends zum Treffpunkt gekommen bin, war sie nicht da. Ich habe gewartet und gewartet, aber sie ist nicht gekommen." "Und was hast du dann gemacht?", wollte Paclia wissen. "Ich hab auf der Straße geschlafen und versucht, vom Betteln zu leben", erzählte Celine weiter. "Aber das hat nicht geklappt. Die anderen Bettelkinder konnten mich nicht leiden, weil ich noch nicht ganz so schmutzig war wie sie und deshalb mehr Geld bekommen habe. Da haben sie mich verprügelt, mir alles Geld weggenommen und meine Kleider zerrissen. Deshalb bin ich in den Wald gerannt, damit sie mich in Ruhe lassen. Aber dann war ich plötzlich ganz allein und wusste nicht, wohin ich gehen sollte." "Dann kannst du wohl auch nicht zurück, oder?", meinte Paclia. "Denn du weißt nicht, wo deine Familie ist und die anderen Bettelkinder würden dich nicht in Ruhe lassen." "Genau", sagte Celine und ließ mutlos den Kopf hängen. Verzagt sagte sie ganz leise: "Was soll ich denn jetzt machen?" "Das ist doch ganz einfach", sagte Paclia aufmunternd. "Du bleibst bei uns, so wie die anderen Menschenkinder, die wir schon aufgenommen haben." "Es gibt noch mehr Kinder wie mich bei euch?", fragte Celine ungläubig und hoffnungsvoll zugleich. "Eine ganze Menge sogar", entgegnete Paclia. "Sie alle haben sich irgendwann in den Wald geflüchtet oder sich darin verlaufen und keins von ihnen kann zurück zu seiner Familie oder in die Stadt, aus der es kommt. Wir kümmern uns um sie und bringen ihnen alles bei, was wichtig ist, um im Wald zu überleben. Nur das Fliegen können wir ihnen leider nicht beibringen." "Schade", sagte Celine enttäuscht. "Das hätte ich am allerliebsten gelernt." "Das geht allen Menschenkindern so", Paclia nickte verständnisvoll und lächelte Celine voller Wärme an. "Aber dafür seid ihr leider nicht gemacht. Ihr könnt nur fliegen, wenn eine Elfe euch mitnimmt." "Ja, mach das doch noch mal", bettelte Celine. "Bitte, bitte. Es war so schön vorhin." "Gern", sagte Paclia und wollte sich Celine schon auf den Rücken laden, als ihr plötzlich eine Idee kam. "Weißt du was?", sagte sie. "Wir können den eingebildeten Tänzerinnen jetzt einen schönen Streich spielen. Hast du Lust, mitzumachen?" Celine kicherte aufgeregt. "Na klar", sagte sie. "Was willst du denn machen?" "Ich nehme dich jetzt an die Hand und wir versuchen, zusammen zu tanzen. Ich hab dir ja schon erzählt, dass ich nicht so begabt dafür bin. Ich kann mich mit Mühe und Not über dem Nebel halten, aber das war es dann auch schon fast. Dabei kann ich mich nicht noch gleichzeitig auf die Schritte und Tanzregeln konzentrieren. Wenn du dabei bist, wird es noch schwieriger werden. Und du kennst ja die Regeln gar nicht. Wir werden also schön viel Durcheinander stiften. Ich bin mal gespannt, wie lange sie brauchen, bis sie merken, dass du gar keine Elfe bist, sondern ein Menschenmädchen." "Oh ja!", rief Celine entzückt. "Das wird bestimmt ein großer Spaß! Aber meinst du nicht, dass sie böse werden, wenn sie merken, dass wir sie reingelegt haben?" "Am Anfang vielleicht schon", gab Paclia zu. "Aber eigentlich glaub ich das nicht. Denn Menschenkindern zu helfen, ist mindestens genauso wichtig wie Tanzen - und außerdem viel nützlicher, weil wir es nicht nur zur eigenen Freude tun, sondern anderen damit helfen. Vielleicht wird Irica uns auch verteidigen. Sie ist schon etwas älter und kann nicht mehr so geschickt tanzen wie alle anderen. Sie wird auch ständig verspottet." "Diese Tänzerinnen sind ja wirklich ganz schön gemein", fand Celine. "Ja, da hast du recht", stimmte Paclia ihr zu. "Höchste Zeit, dass die mal jemand foppt, damit sie merken, dass sie gar nicht so großartig sind, wie sie immer glauben. Komm, gib mir deine Hände, dann versuchen wir es."

Und so machten sie es. Sie nahmen sich bei den Händen und Paclia flog mit Celine auf den Tanzplatz zurück. Es war noch schwieriger, als sie gedacht hatte, zusammen mit ihrer neuen Freundin über dem Nebel zu bleiben. Sie hatte ihre liebe Not damit und musste ständig aufpassen, nicht darin zu versinken oder sogar ins Wasser einzutauchen. Dabei konnte sie nicht mehr auf die anderen Tänzerinnen achten und kam schon bald jemandem in die Quere. "Pass doch auf, du dummes Ding!", schimpfte die andere Tänzerin und gab ihr einen Stoß, der sie und Celine ein ganzes Stück über den See taumeln und beinahe gegen eine weitere Tänzerin prallen ließ. Die schrie halb vor Schreck, halb vor Empörung auf und schimpfte dann lauthals: "Scher dich dahin zurück, wo du hergekommen bist, du ungehobeltes Ding! Seit Jahrhunderten hatten wir nicht mehr so eine stümperhafte neue Tänzerin unter uns. Geh zu den Gnomen und unterhalt dich mit denen! Da braucht es keine Anmut, die sehen dich ohnehin nicht!" "Und schaut nur, jetzt hat sie sich sogar eine Freundin angelacht, die noch ungeschickter ist als sie!", spottete eine dritte Tänzerin. Celine und Paclia zwinkerten einander zu und kicherten in sich hinein, während die Tänzerinnen sie umringten und es von allen Seiten Hohn und Spott hagelte. "Halt! Stop!", rief plötzlich eine Stimme, als die ersten schon handgreiflich werden wollten. "Schaut euch Paclias Freundin an! Das ist ja gar keine Elfe!" Paclia schaute sich um. Es war Irica, die gesprochen hatte. "Was soll sie denn sonst sein, du dumme Alte?!", fuhr eine der anderen Tänzerinnen sie an. "Natürlich ist das eine Elfe! Eine besonders freche noch dazu!" Die anderen stimmten der Sprecherin lauthals zu. Celine bekam es allmählich mit der Angst zu tun. "Schau du genauer hin, du alte Eule!", schnauzte Irica zurück. "Wenn sie eine Elfe ist, wo bitte ist dann ihr weißes Nebelkleid?!" Jetzt schauten auch die anderen genauer hin. Und bald ertönten die ersten erstaunten Rufe: "Es stimmt!" "Schaut, es ist wirklich keine Elfe!" "Es ist ein Menschenmädchen!" "Aber wie kommt sie hier her?!" Fragend sahen alle Paclia an. Schnell erklärte sie: "Das ist Celine. Sie kommt aus der Stadt und hat sich im Wald verirrt. Zurück kann sie nicht mehr, weil sie keine Familie mehr hat. Sie wollte gern noch einmal fliegen und weil ich nicht wusste, wen ich um Hilfe bitten sollte, habe ich gedacht, ich zeige ihr das Tanzen, bis jemand auf uns aufmerksam wird und vielleicht Rat weiß." Celine gab mit keiner Miene zu verstehen, dass diese Geschichte nicht ganz der Wahrheit entsprach. Sie bewunderte im Stillen Paclias Geschick, die Dinge so zu lenken, dass ihr kleiner Streich nicht zu neuem Ärger führen konnte und sie nun vielleicht sogar Hilfe bekommen würden. "Ich werde euch zu den Elfen bringen, die sich um die Menschenkinder kümmern", sagte Irica. "Eigentlich hätte es meine Aufgabe sein sollen, Celine zu finden. Aber ich war zu sehr in meinem Bemühen befangen, auch weiterhin eine gute Tänzerin zu sein. Ich muss mich bei dir bedanken, Paclia, weil du meine Aufgabe so gut übernommen hast. Es hätte niemand besser tun können als du." Die anderen schauten Irica verwundert an. Niemand hatte geahnt, dass sie neben ihrer Leidenschaft als Tänzerin noch eine andere Aufgabe übernommen hatte. Verirrte Menschenkinder im Wald zu finden und zu den Elfen zu bringen, die sich um sie kümmerten und sie unterrichteten, war eine sehr ehrenvolle Aufgabe und wurde nur den Besten aufgetragen, die es vermochten, beide Rollen, die der Tänzerin und der Kindersucherin in sich zu vereinen. Irica ergriff nun Celines Hand und fasste mit der anderen nach Paclias. "Ich habe heute Abend gezeigt, dass ich bald nicht mehr in der Lage sein werde, meinen beiden Aufgaben zu genügen. Ich werde dich als meine Schülerin und Nachfolgerin annehmen, Paclia, denn du hast heute Abend bewiesen, dass du eine natürliche Begabung dafür besitzt. Und du, Celine, wirst ihre Helferin und Begleiterin sein, damit die Menschenkinder weniger Angst vor uns haben, wenn sie mit jemandem von ihrem eigenen Volk in Kontakt kommen, der schon die Scheu vor uns verloren hat. So kannst du auch immer wieder mit heraus kommen und mit uns zusammen fliegen und tanzen. Denn das gefällt dir ja so sehr, nicht wahr?" Celine konnte nur stumm nicken. Auch Paclia war überglücklich. Eine natürliche Begabung! Das war es, was bestimmte, welchen Weg eine Elfe einschlagen würde. Sie hatte vielleicht keine natürliche Begabung für das Tanzen, aber vielleicht war das einmal bei Irica genauso gewesen. Sie war überzeugt davon, dass sie das Wesentliche würde lernen können. Und wenn sie dabei noch Menschenkindern wie Celine helfen und ihnen eine Freude machen konnte, war es außerdem etwas Sinnvolles und Nützliches. Die anderen Tänzerinnen waren erstaunt. Sie hatten nur Paclias schlechten Tanz wahrgenommen und sie gemeinsam dafür verspottet, weil sie offensichtlich die falsche Richtung eingeschlagen hatte und trotzdem krampfhaft versuchte, etwas zu tun, für das sie nicht begabt und bestimmt war. Dass dahinter noch etwas anderes stecken könnte, dass Paclia eine Gabe besitzen könnte, die sie trotz ihrer schlechten Tanzleistung dazu berechtigte, hier zu sein, das war ihnen nicht in den Sinn gekommen. Respektvoll machten sie Platz, als Irica Celine und Paclia in einen Reigen führte. Bald tanzten die anderen Elfen um sie herum und warfen ihr scheue Blicke zu. Mit Hilfe der erfahrenen Tänzerin wurde Paclia schnell besser. Bald konnten sie alle sehen, dass sie zwar wohl nie zu den herausragenden Tänzerinnen gehören würde. Doch sie besaß eine anmutige Art, sich zu bewegen und alles andere würde sie sicher mit der Zeit lernen können.

Schließlich führte Irica im Morgengrauen die Tänzerinnenschar zurück in den Wald. Sie und Paclia brachten Celine zu den anderen Menschenkindern. Celine staunte darüber, wie viele Mädchen und Jungen bereits bei den Elfen lebten. Anfangs hatte sie es als Neuling natürlich schwer, da sie von allen am wenigsten wusste. Doch die Freundschaft zu Paclia und Irica, die beide unter den Elfen hohes Ansehen genossen, halfen ihr über die schlimmsten Anfangsschwierigkeiten hinweg und bald gewann sie neue Freunde. Sie und Paclia kehrten jede Nacht auf die Waldlichtung zurück. Zuerst tanzten sie eine Weile mit den anderen Elfen und Paclia machte unter Iricas erfahrener Anleitung rasche Fortschritte. Später versteckten sie sich dann in den Bäumen am Rand der Lichtung und warteten. Jedes Mal, wenn sich wieder ein Menschenkind im Wald verirrte und zu der Tanzlichtung fand, flogen sie gemeinsam auf den Waldboden hinunter. Zuerst sprach Celine mit den Kindern und nahm ihnen ihre Ängste, erzählte ihnen von den Elfen und lächelte jedes Mal, wenn sie es erst nicht glauben wollten. Sie erinnerte sich dann an die Nacht, in der sie Paclia kennengelernt hatte. Diese trat schließlich wie zum Beweis zwischen den Bäumen hervor, erklärte den Kindern, dass Celine wirklich die Wahrheit gesagt hatte und nahm sie zu einer Flugrunde über die Lichtung mit. Anschließend brachten Celine und Paclia das Kind zu den anderen Kindern oder zurück in die Stadt, wo es her gekommen war. Die anderen Tänzerinnen behandelten sie längst nicht mehr von oben herab, sondern begegneten ihnen mit Achtung und Respekt und freuten sich mit Paclia über jeden Fortschritt, den sie beim Tanzen machte. Paclia übernahm auch noch eine andere Aufgabe: Sie begrüßte die neuen Tänzerinnen herzlich, die jungen Elfen, die sich nichts sehnlicher wünschten, als zu einer Tänzerin zu werden und sich im Nebel über dem See zur Musik der Windharfen zu wiegen. Sie zeigte ihnen die wichtigsten Schritte und Regeln und entschied nach einer Weile, ob sie Tänzerinnen bleiben durften oder doch lieber etwas anderes tun sollten. Sie musste zwar auch immer wieder junge Elfen enttäuschen, die einfach nicht für diese Aufgabe gemacht waren, aber sie verstand es immer, ihnen einen Hinweis zu geben, was sie vielleicht stattdessen tun könnten. So konnte sie viele Wesen, Menschenkinder wie Elfen, glücklich machen und viel Gutes tun. Manchmal dachte sie noch an ihre erste Nacht und die anfängliche Demütigung durch die anderen Tänzerinnen zurück. Doch ihr Groll war längst verflogen. Inzwischen war sie dankbar für die Freunde, die sie durch Celine unter den Menschenkindern gefunden hatte und für die Veränderungen, die sie selbst nach dieser ersten Nacht hatte bewirken können.

(c) Katrin Dinges / Berlin


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