Die Wanderung

(Rubrik: Lyrik/Gedichte)


Katrin Dinges


Ich habe in vielen Gestalten gelebt,
bevor ich die jetzige fand.
Ich bin als Dunst über Meere geschwebt,
flog, Schwalben gleich, über Land.

Ich hab als Delfin in den Wellen getanzt,
glitt, Schlangen gleich, durch die Wüste.
Ich wurde als Sämling in Gärten gepflanzt,
war Nebel in Wäldern der Küste.

Ich war ein Hauch Wind, der Harfen erkor,
glitt klagend durchs Rohr der Flöte.
Ich sprang als Gämse Felsen empor,
litt auch des Schneewolfes Nöte.

Ich war stets verstohlen,
ward kaum je gesehn,
auf flink-leichten Sohlen
im Vorübergehn.

Ganz leis wählt ich mir immer neue Gewänder,
bis ich mich zuletzt für das Heute entschied.
Ob herbstbuntes Laub, das rankt am Geländer,
ob helles Gelächter, ob dunkel ein Lied.

Ich kam mit der Nacht und ging mit dem Tag.
Bin zwischen den Welten geboren.
Auch wenn das wohl niemand verstehen mag,
geh ich doch nie ganz verloren.

Wie der Schrei der Möwe ewig erschallt,
wie der Regen auch morgen noch fällt,
so ist jedes Bild, jede Schöpfung uralt
und betritt doch stets neu diese Welt.

Jedes Ding, jedes Wesen besitzt diese Kraft,
die das Leben zum Tode bringt,
die auch aus dem Tod wieder Neues erschafft.
und die wie das Weltall klingt.

(c) Katrin Dinges / Berlin


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