Zweiheimisch - Einheimisch


Karin Ziegler

Vom Leben in unserer Stadt


Bianca, Mitte 50, saß auf dem Balkon und genoss es, nach einer Operation des “Grauen Stars”, den Blick über die grünen Bäume und die Häuser wieder schweifen zu lassen. Ihre Gedanken verselbstständigten sich.

Geboren und aufgewachsen war sie in Thüringen in der DDR-Zeit. Sie besuchte die 10-klassige Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule, lernte Industriekaufmann, weil sie nicht wusste, was sie werden sollte. Archäologie war aufgrund ihrer Nachtblindheit nicht möglich und Lehrer traute sie sich nicht zu. In den Berufsberatungen wurden nur Berufe, die gerade gebraucht wurden, angeboten. Die Erweiterte Oberschule, die das Abitur ermöglichte, durfte sie nicht besuchen, da die Lehrer ein bestimmtes Soll an 10-Klassen-Schülern erbringen mussten. Bianca arbeitete in ihrem Beruf und absolvierte ein Fernstudium mit dem Abschluss “Ökonom”. Bald merkte sie, dass ihr die Arbeit keinen Spaß mehr machte. Sie suchte eine neue Arbeitsstelle und bewarb sich beim Funk und in einem Ferienheim. Sie erhielt in beiden Fällen eine Absage, da ihre Großeltern und Onkel im Westen lebten und sie die Beziehungen zu ihnen nicht abbrechen wollte.

Als sie ihrer Mutter öfter in der Gemeindebibliothek half, merkte sie, dass diese Arbeit ihr Traumjob werden könnte, da sie schon als Kind gerne las. Sie wurde in der Kreisbibliothek angenommen und war für die Ausleihe der Bücher an die Bibliotheken auf dem Land zuständig. Ihr machte es Spaß, ständig Menschen kennen zu lernen. Eines Tages traf sie Harald. Er war aus Wuppertal. Sie schrieben sich Briefe, und sie konnte die nächste Nachricht von ihm kaum erwarten. Bianca bekam die Chance, eine Zentralbibliothek, die für einige Gemeindebibliotheken zuständig war, zu übernehmen. Es war für sie eine reizvolle Aufgabe und sie sagte zu.

Im Urlaub fuhr sie in die CSSR und nach Polen zu Messen und traf sich mit Harald, da sie nicht ins kapitalistische Ausland reisen durfte. Er wollte, dass sie mit nach Wuppertal kam, doch sie hatte Angst. In der DDR hatte sie ihre Arbeit, ihre Eltern, Geschwister und ihre Freunde. Doch im Westen war alles fremd, sie hatte keine Arbeit und von ihren Großeltern konnte sie auch keine Hilfe erwarten, denn sie waren über 80.

Bianca kehrte in die DDR zurück. Harald lernte eine andere Frau kennen und der Briefverkehr wurde weniger zwischen Bianca und ihm.

Betrieblicherseits wurde von ihr eine Weiterbildung gefordert, da sie nicht über eine entsprechende Qualifikation für ihre Arbeitsstelle verfügte. Sie begann ein Fernstudium mit dem Ziel “Bibliothekar” zu werden. Am Tag lieh sie Bücher an Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus, organisierte Veranstaltungen, stellte Bücher in Kindergärten und bei Schulklassen vor, und am Abend lernte sie. Es machte ihr unheimlich viel Spaß, ein Stückchen Literatur Menschen nahe zu bringen.

1987 wurden die Gesetze gelockert und man durfte auch Verwandte zweiten Grades im Westen besuchen. Bianca stellte den Antrag und bekam die Erlaubnis, dass sie zu den Großeltern zur diamantenen Hochzeit fahren durfte. Sie konnte es nicht fassen und begab sich auf die Reise. Die Grenze nahte und die Aufregung stieg. Der Pass und die Zollerklärung wurden kontrolliert, alles ganz streng und genau. Dann ging die Fahrt weiter und man konnte aufatmen. In Wuppertal stieg Bianca aus und traf sich mit Harald. Dann ging´s weiter Richtung Köln.

Bianca nahm nun zwei Mal im Jahr die Gelegenheit wahr, die Großeltern zu besuchen und war sich stets sicher, dass sie die Genehmigung dazu erhalten würde. Jedes Mal traf sie sich mit Harald und sie verlebten schöne Stunden zusammen in Wuppertal.

1989 fiel die Mauer und Bianca war in einem Freudentaumel genau wie alle anderen Menschen. Nun konnte sie so oft sie wollte die Verwandten besuchen ohne jemand fragen zu müssen und von jemandem abhängig zu sein, die Genehmigung zur Reise zu bekommen. Es war nicht auszudenken! Sie wollte alles kennen lernen, wohin sie bisher nicht fahren konnte.

Zu Weihnachten fuhr sie mit Gänsebraten zu den Großeltern und verlebte die Feiertage mit ihnen. Das letzte Mal war es, als sie acht Jahre alt war. 1960 kehrten die Großeltern von einem Westberlinbesuch nicht mehr in die DDR zurück. Bianca hatte sie stets sehr vermisst.

Harald zeigte ihr den Weihnachtsmarkt in Wuppertal, die Kelly Family trat auf.

Auf der Rückfahrt fiel Bianca auf, dass die Grenzkontrollen locker gehandhabt wurden genau wie auf der Hinfahrt, Witze wurden gemacht, den Reisenden wurde eine schöne Weihnacht und ein glückliches Neues Jahr gewünscht. Ein Jahr später starb Biancas Oma und sie war froh, diese Besuche gemacht zu haben.

Es begann die Wende und alles war nicht mehr wie es war. Die Dörfer gingen eigene Wege, eine Gebietsreform folgte, die bestehenden Kreise wurden aufgehoben und Dörfer eingemeindet oder Gemeindeverbände entstanden. Die Bibliotheken und Zentralbibliotheken kämpften um ihr Bestehen. Bianca erhielt eine ABM-Maßnahme und hörte von Bürgermeistern: “Kultur rechnet sich nicht”. Aber sie hatte ihren Abschluss als “Bibliothekar” jetzt in der Tasche.

Bei einer Augenuntersuchung ergab sich, dass Bianca eine Netzhauterkrankung hatte, die das Gesichtsfeld immer mehr einschränken und zur Blindheit führen würde. Für Bianca brach eine Welt zusammen, nie mehr lesen, nie mehr die Gefühle der Menschen in ihren Gesichtern ablesen können, nie mehr sehen, wie schön die Natur, die Welt ist. Furchtbar! Sie schrieb ihre Gedanken, Ängste und Gefühle in einem Gedicht nieder.

Mitstudenten überzeugten sie, an einem Nachdiplomierungsstudium teilzunehmen, da ihr Abschluss auf DDR-Recht beruhte und nicht anerkannt wurde.

Harald trennte sich von seiner Partnerin und Bianca studierte, um wenigstens einen abgeschlossenen Beruf zu haben für eine unsichere Zukunft. Dann war sie endlich “Diplom-Bibliothekarin”, doch die Bibliothek wurde nur noch stundenweise in der Woche geöffnet. Sie wollte sich weiterbilden und eine neue Arbeitsstelle suchen.

Bianca hörte von einer Selbsthilfevereinigung für ihre Augenerkrankung, die eine Regionalgruppe in Hagen und eine Ansprechpartnerin in Wuppertal hatte. Sie nahm zu ihr Kontakt auf und merkte, dass sie so lernen konnte mit ihrer Krankheit zu leben. Sie suchte per Annonce eine Wohnung in Wuppertal und fuhr immer hin, um Angebote zu besichtigen. Nach einem halben Jahr hatte sie eine Wohnung in Barmen gefunden, die ihr gefiel. Bei ihrer Suche machte Bianca die Erfahrung, dass lieber Afrikaner als Mieter genommen wurden als Ostdeutsche, was ihr wehtat. Beim Renovieren und Möbelaussuchen half ihr Harald. Die Wohnung war fertig und Bianca meldete sich als Einwohner an.

Harald zeigte ihr sein Wuppertal, in dem er schon 40 Jahre lebte. Sie fühlte sich wohl, wenn er nach einer Tour, die sie unternahmen, fragte: “Gehen wir zu mir oder gehen wir zu Dir?”.

Nach vier Monaten gab er seine Wohnung auf und zog zu seiner Ex. Männer gehen doch nur den bequemen Weg, nehmen lieber das alte, schlechte Vertraute als das neue, gute Unbekannte und wollen ihre Ruhe, stellte Bianca fest. Es gab doch nur Streit zwischen den beiden, doch er ging zurück.

Bianca besuchte Kurse der VHS, lernte Englisch, Kreatives Schreiben und Bauchtanz und überall Menschen kennen, die aus Wuppertal und dem Bergischen Land kamen. Sie ähnelten in ihrer Zurückhaltung den Thüringern. Oft wurde sie auf ihren Dialekt angesprochen und mit den Sachsen verwechselt. Der Westen und der Osten waren für sie zwei Welten, eine vertraute Vergangenheit und eine fremde Gegenwart. In beiden wurde Deutsch, aber teilweise mit unterschiedlicher Bedeutung, gesprochen. Doch sie war zuversichtlich, dass sie alles schaffen würde, was sie sich vorgenommen hatte. Seminare ihrer Selbsthilfevereinigung halfen ihr sich mit ihrer Krankheit anzufreunden, sich mit ihr zu arrangieren. Sie entschloss sich, eine Regionalgruppe zu gründen, weil sie Betroffenen helfen wollte und für sich eine Aufgabe suchte. Die Suche nach einer Arbeitsstelle war ergebnislos verlaufen. Aber eine Aufgabe braucht der Mensch, um ein sinnvolles Leben zu haben. So kam sie zur Begegnungsstätte für Behinderte und Nichtbehinderte “ Die Färberei”. Dort besuchte sie vom Haus angebotene Kurse, wie Trommeln, Selbstverteidigung, Psychologie und Traumdeutung. Sie machte Bekanntschaft mit neuen Dingen und anderen Menschen. Mit Kursteilnehmern erkundete sie Elberfeld und lernte die Umgebung Wuppertals kennen. Sie hatte viel Spaß und fühlte sich nach einiger Zeit genau wie in Thüringen in Wuppertal zu Hause. Die Stadt mit der Schwebebahn, die sie oft benutzte, war ihre zweite Heimat geworden.

Bianca beobachtete oft die Wupper, wenn sich das Schwebebahngerüst in ihr spiegelte. Einige Verse entstanden dabei, die sie aber noch nicht beendet hatte. Der rote Faden war verloren gegangen, als Harald ging, obwohl sie sich noch trafen.

Sie beobachtete das Entstehen und Vergehen in der Natur im Nordpark, Botanischen Garten und Barmer Anlagen und schrieb ihre Gefühle in Versen nieder. Geschichten entstanden durch Begegnungen und die VHS Kurse. Doch sie merkte, dass sie schreiben wollte, wie ihr der Schnabel gewachsen war, wie sie fühlte und es aus ihr heraus kam, ohne Schranken, egal wie viele Zeilen ein Reim hatte. Sie wollte Freiheit in ihren Entscheidungen, ihren Gefühlen und in ihrem Leben.

Die Nebenkosten stimmten nicht, es gab Ärger mit dem Vermieter. Bianca war wieder auf Wohnungssuche. Der Sommer 2003 war sehr heiß, 36° C in der Wohnung. Sie musste sich nach der Wärme und den Lichtverhältnissen beim Umzugskartonpacken richten. Es gab Hindernisse beim Umzug, doch dann war alles geschafft und sie fuhr zum Langstocktraining. Sie musste lernen, mit dem Blindenstock zu gehen, was sie in Wuppertal gleich danach in die Tat umsetzte.

Nach einiger Zeit sprachen sie Kinder an, warum sie mit dem Stock geht und wozu er dient. Gerne erklärt Bianca den Kindern alles, was sie wissen wollen und zeigt ihnen mit ihrer Demonstrationsbrille, wie sie sieht. Einmal fragte sie ein Jun- ge: “Sind Sie denn glücklich, wenn sie so wenig sehen und später blind werden?”. Bianca freut sich, wenn sie Kindern etwas erklären kann und fühlt sich in ihre Tätigkeit als Bibliothekarin zurück versetzt. Sie will erreichen, dass sich diese Kinder später rücksichtsvoll und natürlich Sehbehinderten und Blinden gegenüber verhalten.

Harald besucht sie, wenn er sie zu Hause antrifft, denn oft ist sie unterwegs, um für Sehbehinderte in Wuppertal etwas zu bewegen. Natürlich wird sie auch heute auf ihren Dialekt angesprochen und als Sächsin bezeichnet. Dann erklärt sie, dass es genau dasselbe mit Sachsen und Thüringen, wie mit Elberfeld und Barmen oder mit Köln und Düsseldorf ist. Sie hat gelernt, dass Reibekuchen - Kartoffelpuffer, Pfannkuchen - Eierkuchen, Mett - Gehacktes sowie Frikadellen und Buletten - Hackklößchen bedeuten. Automatisch denkt sie um, dass es sich bei Viertel vor eins um Dreiviertel eins und bei Viertel nach zwei um Viertel drei handelt. Sie weiß, dass die Barmer keine Elberfelder sein wollen und dieser Stadtteil für sie Ausland ist und Elberfelder stolz sind dort zu wohnen. Oft hört man auf der Straße ein “Woll” und ein “Gell”, wodurch sich auch Barmer von Elberfelder unterscheiden. Ein bisschen versteht Bianca auch, wenn Platt gesprochen wird. Sie sitzt im Sommer vor Eiscafes am Alten Markt, am Rathausplatz und beobachtet Menschen, die sie zum Gedichte schreiben inspirieren.

Wuppertal mit seinen Menschen, seiner Schwebebahn und seiner Geschichte ist Bianca vertraut geworden. Sie fühlt sich heimisch. Vielleicht auch ein wenig dadurch, weil ihre Großeltern sechs Jahre hier gewohnt haben und ihr Onkel seit 53 Jahren hier lebt.

Bianca wird aus ihren Gedanken gerissen. Es klingelt. Harald steht vor der Tür. Sie bittet ihn herein. Es gab in der letzten Zeit viel Streit zwischen ihm und seiner Gefährtin. Er hatte es oft erwähnt, wenn die Galle übergelaufen war. Erst jetzt sah Bianca aufgrund ihres eingeschränkten Gesichtsfeldes den Koffer in seiner Hand. “Darf ich für immer bei dir bleiben? Ich habe mich endgültig getrennt.” Eine Schüssel, die einen tiefen, langen Riss hat, kann man nicht mehr kitten, dachte Bianca. Sie sah Harald an und nickte. Er nahm sie in den Arm.

Nun war sie richtig in Wuppertal heimisch.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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