Winterschlussverkauf


Karin Ziegler


Ich bummelte zwischen den Ständen mit Blusen, Pullovern und Röcken herum. Zwei Stimmen drangen an mein Ohr. “Hier, sieh mal, die Grüne, die passt gut zu deinem Rock. “Nein, die will ich nicht. Und hier die schwarz-weiße, nein, die ist nichts und die dunkelblaue”- ich sah auf. Zwei Frauen besahen sich die Blusen auf einem Ständer. “Nein, auch die ist nichts”, sagte die Ältere. Wieder fing die Jüngere an: “Und wie ist es mit der Weißen, dazu der schwarze Rock und die rote Weste. Damit siehst du schnuckelig aus. Rot kann man auch tragen, wenn man älter ist.” Doch die Ältere stellte wieder fest- “Das ist nichts.” Die Jüngere machte den nächsten Versuch. “Der Lurex-Pullover ist nobel und auch preiswert.” Doch wieder kam. “Das ist nichts. Nun reichte es der Jüngeren. “Was willst du überhaupt? “Es muß einschlagen, einschlagen wie ein Blitz”. Sie machte eine Bewegung, die einen Blitz nachmachte, “dann kauf ich sie, dann ist es richtig.” “So einschlagen wie dein Paul”, lachte die Jüngere. “Ja, genauso. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mit 81 noch einmal so verlieben kann, richtig verlieben, so mit Schmetterlingen im Bauch”, bekam sie zur Antwort. “Ja, Oma, je oller desto doller. Hast du Mutti eigentlich gesagt, dass er um deine Hand angehalten hat ?” “Ja, es kam mir doch komisch vor, in meinem Alter noch einmal zu heiraten. Ich wollte hören, was sie darüber denkt. Ich weiß, dass ich zu meinem Paul gehöre, aber heiraten… Er ist ja auch schon 85 und drei Jahre allein. Auch er hatte sich damit abgefunden, allein zu leben, nun ja, wie es im Altersheim eben ist. Ich bin nun schon 15 Jahre dort und habe niemand kennen gelernt bis Paul kam. Er kam, ich sah, er siegte.” “Ich weiß, Oma, er ist eben ein toller Typ. Ihr seid beide cool und ich finde es fetzig, dass ihr heiraten wollt. Was hat nun Mutter dazu gesagt?” fragte die Enkelin. “Ich hatte meine Bedenken und war auch aufgeregt, als ich sie fragte. Deine Mutter ist einverstanden. Sie gönnt mir mein, nein unser Glück. Das hätte ich nicht gedacht. Andere Kinder hätten bestimmt ein Faß aufgemacht, dass man mit 81 noch heiraten will. Aber ich habe sie auch tolerant erzogen. Was werden nur die Nachbarn dazu sagen?” “Das ist doch nicht wichtig, Oma, Hauptsache zwei Menschen sind glücklich, egal wie alt sie sind. Aber was sagen die Bewohner des Altenheims dazu? Und was ist mit der Hochzeitsnacht?” fragte lachend die Enkelin. “Unsere Mitbewohner freuen sich schon, denn es gibt eine schöne Feier. Und Hochzeitsnacht, na ja, wir dürfen nicht zusammen wohnen. Aber die Gefühle, die Bedürfnisse nach Zärtlichkeit, nach Küssen sind im Alter nicht gestorben. Sie sind anders als in jungen Jahren, aber sie sind da. Nun ja, da ist auch das Alter erfinderisch. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Gebüsch”, kicherte die Frau. “Ja, ja, wenn ich da so an Charlie Chaplin und einige andere denke, Oma, Oma, bei deiner Fantasie und deinem Erfindungsreichtum, da müssen wir euch noch die Pille und Kondome besorgen”, lachte schallend die Enkelin.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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