Umzugsnachwehen


Karin Ziegler


6 Jahre ist es her, seit ich eine neue Wohnung bezogen habe. Im November 2006 und Juli 2007 wurde ich am Grauen Star operiert. Seitdem sehe ich die Welt wieder realistischer und deutlicher, der graue Nebel ist verschwunden. Nun sah ich mich erst einmal in der Wohnung um und entdeckte die “Kleinigkeiten”, die nicht stimmten, die “handwerklich begabte” Männer vollbracht hatten. Die Tapete mit den “Wappen”, die ich nicht ausgesucht hatte, die aber an den Küchenwänden war, störte mich doch sehr. Warum wird nicht noch einmal nachgefragt, ob man es auch richtig verstanden hat, wenn man für andere Leute etwas macht? Das Oberteil der Spüle passt nach wie vor nicht auf das Unterteil. Das abgelaufene Wasser vom Geschirr fließt nicht ab. Als Alternative habe ich einen Ständer mit Tablett mir angeschafft, damit ich das Wasser dann auskippen kann. Die Gardinenstange im Wohnzimmer war noch schiefer als ich mit Nebel gesehen habe. Du meine Güte, wie sah das nur aus! Ich schüttelte den Kopf. Wie kann ein normal sehender Mann so etwas fertigbringen! Wenn es in meinen Blickwinkel fiel, ärgerte ich mich doch sehr.

In der Diele hatten die Blümchen von 2 Tapetenbahnen schon das Zeitliche gesegnet; Sie sehen nach unten. Vorher hat es mich nicht gestört, aber jetzt! Das sind die Nachteile eines besseren Sehens! In der Küche habe ich in der Zwischenzeit die Gardinenstangen ausgetauscht, weil sie immer mit einem “Klick” herunterfielen - trotz Powerstrips -, wenn sie sich durch die Küchendünste lösten. Nicht immer passte dieses “Klick” in den Rhythmus der Radiomusik, aber ich wusste gleich, die Stange gab der Schwerkraft der Erde nach, ich wusste nur nicht, ob es die linke oder rechte Seite der Fenster war. Nun habe ich Stangen, die eingeklemmt werden.

Nachdem mein Herd durch einen neuen Cerankochfeldherd ersetzt wurde, konnte ich meinen Besteckkasten wieder auffüllen. Einige Teile hatten sich zwischen Spüle und Herd verabredet. Dabei dachte ich, dass dieser Zwischenraum auch aufgefüllt werden müsste. Na, mir wird schon was einfallen. Mein Toastbackofen hatte auch noch keinen Platz gefunden. In der jetzigen Wohnung fehlt mir eine Wand, denn er stand auf Mikrowellenhalter, die an der Wand angebracht waren. Außerdem habe ich Angst, wenn mein “Freizeithandwerker” bohrt, dass die Halter samt Backofen der Schwerkraft nachgeben oder auf die Straße zeigen, falls die Außenwand durchbohrt wird.

Beim Umzug wurden die Lampen von Diele und Bad vertauscht. Sie sollten jetzt umgehängt werden. Doch beim Bohren war die Decke der Diele zu dick, der Bohrer kam nicht durch. Die Lampen freuten sich, dass sie ihren alten Platz wieder bekamen.

Im Wohnzimmer halten zwei Thermo-Chenilschals die Zugluft - ein Teil davon jedenfalls - ab, unten an der Balkontür darf sich ein Zugluftstopper- Löwe den Hintern kühlen.

Im Badezimmer war durch den Umzug ein Nippel am Spiegelschrank abgebrochen und der eine Spiegel wurde blind. Ich entschloss mich, den Schrank auszutauschen. Nur, wer sollte das machen? Mein Freizeithandwerker? Nein, bei ihm probierten die Hängeschränke den freien Fall und würden das Waschbecken mitnehmen, denn zu zweit fällt es sich besser. Also fragte ich einen Leidensgenossen mit Röhrenblick, der Werkzeug und Arbeitslust mitbrachte. Nach drei Stunden hingen 2 Hängeschränke, 2 “Bücherbretter”, von denen eins auch sehr sportlich im freien Fall vorher war. Sie wurden mit Winkeln befestigt und das mit Handicap!

Mein Freizeithandwerker hätte 5 Stunden und mehr gebraucht und es wäre fraglich gewesen, dass alles fest hing. Ihm traute ich zu, den Deckel der Toilettenschüssel zu wechseln, rot war für mich kontrastreicher. Er hatte Mühe den alten Deckel abzuschrauben, war aber mit dem neuen schnell fertig. Nach kurzer Zeit wurde der Ring locker, rutschte und knallte an mein Gesäß, da er sich nach dem Gewicht, das auf ihn zukam, bewegte. Das machte viel Spaß, da meine Hämorriden eins drauf bekamen. Ich fühlte mich wie ein Pavian, dem der Hintern brennt- und dazu der rote Ring und Deckel der Toilettenschüssel! Es passte wie die Faust auf’s Auge. Ich reklamierte bei Hobbyklaus, der den Schaden dann beseitigte. Ich muß mir doch einen besseren Handwerker suchen, am besten ist ein Ehemann als Handwerker, doch ob der zu Hause was tut ist fraglich. Interessanter ist es bei der Nachbarin.

Der Schornsteinfeger hatte mich nicht angetroffen. Ich sollte mich melden. Er kontrollierte den Geyser. Nach getaner Arbeit brachte er die Haube wieder an. Auf einmal hatte er das gesamte Gerät in der Hand, drückte es an die Wand, damit die Verbindung zum Rohr nicht abriss. “Haben Sie Dübel?” fragte er. Ich hatte welche, aber die konnte er nicht verwenden. Ein Vertreter der Wohnungsverwaltung ging auf Suche. Der Schornsteinfeger hielt standhaft den Geyser an die Wand. Ich fragte mit besorgter Stimme: “Was wäre denn, wenn mir was passiert wäre?” “Da hätten sie eine Himmelfahrt gemacht”, sagte er. “Na prima, da wollte ich noch nicht hin”, meinte ich. Nach 10 Minuten kam der Hausmeister mit Dübel. “Hoffentlich passen sie; es könnte ein Hohlraum dahinter sein”, meinte der schwarze Glücksbringer. “Machen sie keinen Ärger. Ich hatte nach meinem Einzug schon die Stange der Dusche in der Hand. Dazu hieß es, das kann nur passieren, wenn man sich dran hängt. Doch ich war vor 6 Jahren noch so gelenkig, dass ich ohne Dranhängen aus der Dusche kam und als Rutsche, wie die Feuerwehrmänner, wollte ich die Stange auch nicht benutzen”, konstatierte ich. Es wurde gebohrt, gedübelt und der Geyser hing wieder. “Ist er auch wieder richtig fest? Ich kann sonst nicht richtig schlafen”, meinte ich ängstlich. “Ich habe schon schlaflose Nächte hinter mir, weil das Rohr zu kurz war und beanstandet wurde. Dann wurde es mit Klebeband verbunden, und das sollte sicher sein. In der ersten Zeit schlief ich wie ein Hase”, erzählte ich den Männern. Im März wurde die Gasleitung überprüft. Vom Keller her war ein Klopfen zu hören. Nach 3 Stunden wurde der Geyser von den Mechanikern wieder angestellt und getestet, ob alles in Ordnung war. Es war. Ich als ängstlicher Hase fragte den jungen Mann, ob Gas austreten kann. Doch der meinte, es ist ein Sicherheitsventil drin, das den Geyser ausschaltet. Das Gas wäre nicht mehr so giftig wie vor 10 Jahren. Die Himmelfahrt hätte nicht stattgefunden, wie der Schornsteinfeger gesagt hatte. Ich zweifelte. Wer hatte nun recht? Wem sollte ich glauben als Laie? In der Zwischenzeit schlafe ich wieder ruhiger. In allen Situationen muß ich meine Frau stehen - auch mit Handicap.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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