Spaziergang durch den Kopf


Karin Ziegler


Da saß ich nun vor dem Springbrunnen im Kurpark und sah dem Spiel des Wassers zu. Eine Woche zur Erholung und zum Entspannen hatte ich zum Geburtstag geschenkt bekommen. Es sollte etwas Besonderes sein. Auf meinem Schoß lag das Buch “Lust auf 50”. Gerade das Richtige für mich. Meine Augen suchten wieder die Fontäne und meine Gedanken begannen eigene Wege zu gehen.

Die Fontäne glich dem Leben. Von der Geburt an ging das Leben steil nach oben. Voller Elan und Schwung ging es die Lebensleiter hinauf ohne aufgehalten zu werden, ohne über das Leben nachzudenken. Nackenschläge, Ärger konnte man gut verkraften.

Ich hatte meine Arbeit, die mir Spaß machte. Gab es damals überhaupt etwas anderes als Arbeit für mich? Es war die Erfüllung meines Lebens. Dann kam die Wende, und ich verlor meine Arbeit und erfuhr von meiner Augenkrankheit. Dann Schule zur Nachdiplomierung und Abschluß als Dipl.-Bibl. (Diplom-Bibliothekar), Wohnungswechsel in ein Land, das mir fremd war, obwohl die gleiche Sprache gesprochen wurde. Ich hatte eine andere Vergangenheit und dort war ein anderes System, an das ich mich anpassen musste. Es waren schwierige Jahre, in denen ich lernen musste mit dieser Augenerkrankung zu leben und neue Ziele in meinem Leben zu finden. Mit Arbeit klappte es nicht - Einstellungsstop. So wurde ich zum Dipl.-Bibl. o. A.- (Diplom-Bibliothekar ohne Anstellung).

Jetzt habe ich den höchsten Stand der Fontäne erreicht - meine Lebensmitte. Eigentlich bin ich schon darüber, denn meine Vorfahren haben die goldene 100 nicht ganz erreicht. Aber 50 ist doch auch schon eine Leistung, obwohl man nichts dazu kann. Ich weiß auch nicht, warum ich gerade diese magische Zahl als Lebensmitte nehme. Vielleicht, weil es ein halbes Jahrhundert ist. Was habe ich alles in dieser Zeit erlebt!

Von meinen Mitstreitern höre ich oft, dass sie keinen Schwung mehr haben und dies und das nicht mehr können. Ich muß auch einige Abstriche machen, aber ich habe noch genug Schwung und suche mir andere Aufgaben. Hätte ich mein Handycap nicht, ich glaube, ich wäre nicht zu bremsen. Ich will noch so viel machen, ausprobieren, kennenlernen. Auch die Welt will ich noch sehen. In den letzten Jahren habe ich einen Crashlehrgang in jeder Beziehung mitgemacht, da wird mir der neue Lebensabschnitt auch gefallen.

Ich habe Lust auf 50, ich habe Lust auf das Leben. Ich will leben und erleben. Aber ich muß auch daran denken, dass es jetzt abwärts geht; wie beim Springbrunnen, in dem das Wasser ohne Druck hinunterfällt, wenn es den höchsten Stand erreicht hat. Wie sich der Strahl aufteilt, so wird mein Leben irgendwann die Kraft verlieren, die Gesundheit wird Stück für Stück verloren gehen, der Lack wird abbröckeln. Ich werde weniger leisten können, aber viele Erfahrungen haben. Ich habe Lust auf mein weiteres Leben, das Ärger und Leid bringen wird. Ich werde gestärkt aus diesen Situationen hervorgehen. Aber ich werde auch weiterhin viel Spaß haben, an kleinen Dingen mich erfreuen, sie erleben und dadurch selbst leben. Ich will später sagen können: Ich habe mein Leben gelebt, so wie ich wollte und konnte.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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