Selbst ist die Frau - auch mit Handicap


Karin Ziegler


Ich war wieder zu Hause - Auspacken der Koffer und Wäsche waschen. Nach ein paar Tagen begann ich die Umzugskartons auszuräumen und die Sachen in die Schränke zu tun. Ich musste die Lichtverhältnisse ausnutzen. Ich freute mich, wenn eine Stelle an der Wand frei wurde und wieder ein Karton zusammengelegt werden konnte. Hauptsache die Kartons waren weg und die Sachen in den Schränken. Feinputz konnte ich später machen, ich konnte es mir einteilen. Irgendwann hatte ich es geschafft und die Firma holte die Kartons ab. Ich hatte wieder mehr Platz in der Wohnung. Dann kaufte ich Scheibengardinen für die Küche und ließ sie anbringen, da ich aufgrund meiner Sehkraft nicht genau die Abstände abmessen konnte. Die Spüle wurde geliefert und aufgestellt, ebenso die Regale, in die allerdings nun meine Ordner nicht hinein passten, nur die Bücher. Am Abend merkte ich, dass es im Unterteil der Spüle tropfte. Ich rief den Monteur an, doch er wollte erst am nächsten Tag kommen. Also stellte ich eine Schüssel unter die tropfende Stelle. Bis zum Auftauchen des Handwerkers hatte ich 1 1/2 Schüsseln voll Wasser. Man glaubt gar nicht, dass so viel Flüssigkeit zusammen kommt, wenn ein Hahn im Minutentakt tropft. Eine Dichtung war nicht richtig fest.

Beim nächsten Spülen merkte ich, dass das Wasser vom Abstellen des Geschirrs nicht ablief. Zwischen Spülaufsatz und Schrank war ein Zwischenraum. Ich bekam die Krise. Wenn man nicht alles selbst macht. Am nächsten Tag hatte ich nasse Füße. Mir war eine Kanne Wasser umgekippt, und es lief hinter die Spüle und dann nach vorn. Also musste noch an der Wand abgedichtet werden.

Bianca rief an. Irgendwo machte es klack und ein leises Rauschen war zu hören. Nachdem ich mein Gespräch beendet hatte, sah ich nach. Meine Scheibengardine oben rechts war herunter gefallen, Ich klebte sie wieder an. Am nächsten Tag ein kräftigeres Klack und es fiel etwas zu Boden. Der Saugnapf von einem Haken im Bad hatte sich gelöst. In der nächsten Zeit machte es öfter klack. Ich konnte am Geräusch schon erkennen, was herunter fiel. Bei einem lauteren Klack waren die Haken im Bad die Übeltäter, bei einem leiseren Klack mit leisem Rauschen waren die Scheibengardinen dran, sie wechselten sich ständig ab, mal rechts oben, links unten und links oben. Genau das gleiche Spiel wie in der alten Wohnung. Ich musste Power-Strips kaufen, die kleben besser.

Das CD Regal war auch noch nicht da. Die Lieferung erfolgte nicht bis 19.12. Also musste ich ab- und neu bestellen, dann traf mich der Paketdienst nicht an und anstatt es mir nochmals anzuliefern, schickte er es an den Hersteller zurück und ich wartete und wartete. Es war zum Auswachsen.

Da ich nun einmal zu Hause war, stellte ich die Waschmaschine an. Doch irgendwie spülte sie gar nicht so laut wie sonst. Als sie sich ausschaltete sah ich nach und stellte zum Entsetzen fest, dass die Wäsche im Wasser lag. Die Maschine hatte weder gespült noch abgepumpt, Ich stellte den Spülvorgang von der Kochwäsche ein, doch es tat sich nichts. Auch das Abpumpen funktionierte nicht. Ich wusste noch nicht einmal, wo man das Wasser abstellen konnte, wenn nun alles auslief. Ich holte eine Nachbarin zu Hilfe, die mir den Absteller zeigte. Sie bot mir an, meine Wäsche, die voller Lauge war, noch mal zu waschen. Ich schöpfte währenddessen die Trommel aus. Als ich zur Ruhe gekommen war, suchte ich die Bedienungsanleitung heraus und las bei Störungen nach. Bei Nichtabpumpen und Nichtspülen müsste die Laugenpumpe durch einen Fremdkörper verstopft sein. Ich suchte unter der Leselampe mit der Lupe wo die Laugenpumpe eingezeichnet war. Schwierig mit meiner Sehkraft. Am nächsten Tag ging ich bei der Waschmaschine auf Suche. Mit einer Münze öffnete ich den Deckel im unteren vorderen Teil der Maschine, zog den Schlauch heraus und ließ das Wasser in eine Schüssel laufen. Als ich die Pumpe öffnete kullerte mir eine kleine rote Kugel entgegen. Sie konnte kein Teil der Waschmaschine sein, die weiß oder beige waren. Ich sah mir die Kugel an. Sie musste vom Zugband meines Mantels sein. Vor ca. 2 Jahren hatte ich sie verloren. Ich verschloss alles wieder.

Am nächsten Tag bekam ich Besuch und erzählte ihm von meiner Waschmaschine. Er rief immer nur aus: ”Du hast das gemacht, du, du, du?”. Seine Gesprächsplatte musste einen Sprung haben. Erstaunt sah ich ihn an. “Wieso nicht?” Er traute mir so etwas nicht zu. Allerdings hätte ich das vor ein paar Tagen auch nicht getan, da ich von Technik und Handwerk keinen blassen Dunst habe. Aber ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn. Ein paar Tage später probierte ich meine Waschmaschine aus. Und sie funktionierte. Ich hörte die lauten Geräusche beim Wasserzapfen, Spülen und Abpumpen wieder. Auch beim Klicken der Elektronik hörte es sich nicht mehr an als ob sie wollte und nicht konnte. Sie konnte wieder. Freudestrahlend rief ich Bianca an und sprach auf den Anrufbeantworter “Sie läuft, sie läuft.” Allerdings war ich auch nach dem Herauskullern der Kugel felsenfest davon überzeugt.

Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass der Spiegelschrank im Bad zu hoch angebracht wurde, die Blümchen auf zwei Bahnen der Tapete in der Diele nach unten guckten, im Schlafzimmerschrank ein Zwischenraum zwischen Bretter und Hinterwand war: es sind alles Arbeiten von Handwerkern oder handwerklich begabten Männern ausgeführt wurden.

Ich werde noch Abdichtband für die Spüle besorgen, Regale für Ordner bestellen und andere Sachen selbst machen, denn selbst ist die Frau - auch mit Handicap.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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