Rund ums Essen


Karin Ziegler


(Spontane, kreative Schreibübung zum Thema "Essen" bei der BLAutor-Frühjahrstagung 2013.)


Der Mensch kann nur bestehen, indem er ißt.
Ohne daß er ißt, ist er nicht.
Das Essen gibt es seit Menschen bestehen. Es hat sich seit dieser Zeit ständig verändert. Waren es bei den Neandertalern von gejagten Tieren Fleischstücke, die im Feuer gegart wurden, gab es bei den Rittern große Eßgelage. Sagen erzählen, daß große Ereignisse (Hochzeiten, gewonnene Schlachten) 3 Tage und Nächte gefeiert wurden. An Königshöfen waren Vorkoster angestellt, damit seine Majestät nicht vergiftet wurde. Von großer Bedeutung war die Jagd, die in eigenen Wäldern veranstaltet wurde. Wer reich war, hatte auch immer etwas zu essen.
Ganz anders sah es bei den armen Leuten aus, egal in welchem Zeitalter sie lebten. Sie mußten stets hart arbeiten, Steuern und Zins abgeben, konnten sich nicht satt essen oder mußten hungern.
HEUTE gibt es viel zu essen. Doch wer wenig Geld zur Verfügung hat, muß auch entscheiden, was und wieviel er kauft. Menschen müssen zur Tafel, um Lebensmittel zu erhalten.
Viele Gemüse- und Obstarten werden importiert, über den Erdball transportiert, weil es billiger ist als Gemüse im eigenen Land anzubauen. Arbeitskräfte, Abgaben, Strom u.a. sind teuer. Kosten für Strom, Gas, Benzin usw. steigen ständig weiter an. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, muß der Mensch viel verdienen, also steigen die Kosten für Anbau, Ernte und Verarbeitung der Lebensmittel. Verdient man wenig, kann man sich auch wenig kaufen. Ein ewiger Kreislauf.

So also werden Obst und Gemüse eingeführt, mit ihnen auch verschiedene Giftstoffe, die bei der Be- und Verarbeitung angewandt werden. In Deutschland gibt es Kontrollen und Vorgaben, die dies verhindern. In vielen anderen Ländern wird nicht kontrolliert.
So wurden voriges Jahr Erdbeeren aus China importiert, die Giftstoffe enthielten. Viele Menschen erkrankten und starben nach dem Verzehr. Es wurden Eier wegen Salmonellen weggeworfen, Rinder wegen Rinderwahn, Hühner wegen Hühner- und Schweine aufgrund von Schweinegrippe vernichtet. Es betraf die Tiere massenhaft. Erreger wurden eingeschleppt und verbreiteten sich.
Wir wissen nicht, was in den Verpackungen drin ist, und außen werden die Inhaltsstoffe nicht verzeichnet. Ich denke nur an das verarbeitete Pferdefleisch vor einigen Wochen. Die Verbraucher werden angeschmiert und die Firmen machen satte Gewinne. Das zieht sich wie eine Kette über mehrere Länder.
Deutschland
Ich rege mich jedes Mal beim Einkaufen über volle Regale mit Gurken, Tomaten aus Holland, Kartoffeln aus Ägypten, Brokkoli aus Italien, Rosenkohl aus Belgien, Blumenkohl aus Serbien, Trauben aus Chile usw. usw auf. Gerade mal Kohl, Salat - den ich nicht esse - und Möhren kommen aus Deutschland. Man sucht deutsche oder auch regionale Erzeugnisse in den Regalen vergebens.

Vergangenheit
In meinem Heimatort und Umgebung baute man auf großen Feldern Erdbeeren, Kartoffeln, Getreide und Blumenkohl an. Es wurde 3-Felder-Wirtschaft betrieben. In einer Kartoffelsortieranlage sortierte man die Kartoffeln nach Aussehen und Größe. So wurden sie zu Speise-, Futter- oder Samenkartoffeln. Unsere Bauern erzielten stets gute Erträge, weil wir fruchtbares Land haben. Die Kartoffeln wurden bis in den Thüringer Wald oder für die Thüringer Kloßherstellung geliefert.

HEUTE
Die Landwirte werden Ihre Kartoffeln, Erdbeeren und ihren Blumenkohl nicht mehr los. Also werden sie nicht mehr angebaut. Dafür gibt es große Maisfelder für die Biogasanlage. Es wird Monokultur, die die Äcker auslaugt und deren Fruchtbarkeit senkt, betrieben. Die Bauern erhalten Unterstützung, wenn sie Ackerland brach liegen lassen. Es darf nicht so viel bewirtschaftet werden, wie man besitzt. Witterung, Dürre- und Hochwasserkatastrophen wirken sich auf die Landwirtschaft aus. Die Preise für die geernteten Erzeugnisse steigen. Doch den Bauern werden sie nicht entsprechend gezahlt. Viele Landwirte und Milchbauern müssen ihre Höfe aufgeben, weil sie nicht mehr davon leben können.
Einige Bauern gehen nach Polen oder Russland und bewirtschaften dort die Felder. In diesen Ländern gibt es andere Bedingungen und Vorgaben. Die geernteten Feldfrüchte und auch die Milch werden verpackt, mit einem deutschen Etikett versehen und nach Deutschland eingeführt.

Falsche Etikettierung
Die Etikettierung läßt in Deutschland viel zu wünschen übrig und wird z.Zt. diskutiert. Nicht alles was drin ist, steht außen drauf. So wie z.B. die genannten Feldfrüchte und die Milch aus Polen. Sie erhalten deutsche Etikette, sind aber nicht aus Deutschland. Es steht nie darauf, woher die verarbeiteten Früchte, Gemüse u.a. kommen (z.B. die Erdbeeren aus China). Sylter Krabben, Allgäuer Käse haben nie Sylt oder das Allgäu gesehen. Sie werden woanders hergestellt und verpackt. Auch Kartoffeln, die aus Ägypten kommen, werden in Deutschland verpackt. Als Ursprung steht Ägypten drauf. Nur was wird als Ursprung bezeichnet?
Dann sind die Angaben so klein geschrieben, daß man sie nur mit Lupe lesen kann. Bio ist nicht gleich Bio. Die Verbraucher werden überall hinters Licht geführt und angeschmiert.

Fazit
Ich habe mir vorgenommen, mich nur noch entsprechend der Saison und aus deutschen Landen (wie die Werbung mal lautete: Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch) zu versorgen, neumodern: regional und saisonal. Aber es ist schwer, wenn in den Regalen fast alles aus dem Ausland kommt und man deutsche Produkte suchen muß. Eine Ausweichmöglichkeit wäre, auf dem Markt einzukaufen. Doch woher kommt dort das Obst und Gemüse? Ist es aus Deutschland, wenn Deutschland drauf steht? Auch hier ist Bio nicht gleich Bio. Anstatt frischen Erzeugnissen Dosen und Gläser kaufen? Doch auch hier wird nicht ausgewiesen, woher die Produkte kommen. Käse ist Käseersatz oder hat das Allgäu nie gesehen.
Was kann man guten Gewissens noch essen? Wer übernimmt die Verantwortung für falsche, falsch deklarierte Inhaltsstoffe, für die ganzen Lebensmittelskandale? Sind die daraus resultierenden Strafen zu milde, daß sie skrupellose Gewinnerhascher nicht abschrecken?
Deutsche Landwirte müssen Ackerflächen brachliegen lassen, bekommen Entschädigung dafür. Sie werden Ernteprodukte und Milch nicht mehr los. Diese Erzeugnisse kommen aus dem Ausland. Wir müssen sie abnehmen, weil wir alle in der EU sind. Was machen wir, wenn aus irgendwelchen Gründen (z.B. Katastrophe) nicht importiert werden kann? Deutschland kann seine eigene Bevölkerung nicht ernähren! Müssen wir alles aus dem Ausland bekommen? Bei Südfrüchten ist es keine Frage. Aber Obst und Gemüse, das in Deutschland auch wächst? Hat eine gut aussehende Kartoffel aus Ägypten mehr Nährwert als eine verschrumpelte aus Deutschland? Im Discounter suchte neulich eine Frau in der Kartoffelkiste und meinte: “Die sehen aber nicht gut aus.” Will sie damit einen Preis gewinnen oder will sie davon essen? Hauptsache, die Kartoffel ist gut zubereitet und angerichtet und schmeckt. Ebenso ist es mit einem Apfel. Was nützt ein chilenischer Apfel, der im Regal von speziellem Licht angeleuchtet wird, um prall und farbig auszusehen, der aber nach nichts schmeckt?
Mir ist ein deutscher Apfel mit Flecken, vielleicht sogar runzlich, aber mit Geschmack, lieber. Leider sind die Äpfel hochgezüchtet worden, sodaß viele Stoffe, die uns widerstandsfähiger gemacht haben, verloren gegangen sind. Aus dieser Tatsache sowie aus dem Import von Produkten, dem Ersatz von Stoffen und den vielen Zusatzstoffen in Lebensmitteln ergeben sich viele Fragen. Welche Auswirkungen haben diese Stoffe auf uns? Wo kommen die unheilbaren und neuen Krankheiten her? Woher die Allergien? Werden wir immer mehr verdummt, damit andere ihre Profite skrupellos steigern können? Was kann man unbedenklich noch essen? Wird mit unserer Gesundheit Schindluder getrieben?
Ich werde mich umstellen, Obst und Gemüse je nach Saison einkaufen, und im Winter Produkte aus Dosen, Gläsern und Tiefkühlkost auswählen. Es ist nachgewiesen, daß sie Vitamine und Nährstoffe enthalten. Ich hoffe es stimmt, denn eine 100% ige Sicherheit gibt es nicht.
Früher war ich es gewohnt, im Winter auf Eingemachtes zurückzugreifen. In der DDR gab es wenig Südfrüchte und keine Importe. So standen uns Gurken, Tomaten u.a. zu dieser Jahreszeit nicht zur Verfügung. Aber muß das wirklich sein? Brauchen wir wirklich frisches, hochgezüchtetes Obst und Gemüse im Winter und das alles ohne Geschmack? Ich konnte mich früher ohne dies alles ernähren, warum heute nicht?
Einen Versuch ist es wert.
Essen soll der Gesundheit dienen, den Körper erhalten, damit wir leben können.
Der Mensch ist, was er ißt.
Ohne daß er ißt, ist er nicht.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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