Realitäten


Karin Ziegler - April 2013


(Beitrag zum BLAutor-9-Wörter-Schreibwettbewerb 2013.
Die in den Text aufzunehmenden Pflichtwörter: Herbstwind, Kalender, Konzert, Morgenrot, Pokal, Schokoladenkuchen, Sparkasse, Überfluss und Würfel.)


Sylvia saß am Fenster und beobachtete die weißen Flocken, wie sie tanzend durch die Luft wirbelten und auf den gefrorenen Boden fielen. Große Schneeberge türmten sich an den Straßenrändern auf. Jeden Tag waren es -6 C und mehr, ungewöhnlich für Mitte/Ende März real für dieses Jahr. Der Kalender des Jahres 2013 hatte schon 10 Wochenblätter verloren.

Auch sie wurde nicht mehr vom Morgenrot geküsst, war nicht mehr das kleine Mädchen. Der Würfel des Lebens hatte bei ihr keine Superzahl erreicht. Sie wohnte nicht in einem Palast, lebte nicht im Überfluss, war aber auch nicht arm und nicht in einer Kate geboren worden. Der Kalender ihres Lebens hatte die Hälfte überschritten. Das Konzert der Hormone hatte sie fast hinter sich. Es waren keine harmonischen Stunden mit Elan und Forschergeist sondern ein dysharmonischer Gleichklang mit Panik und Unruhe. Der Herbstwind des Lebens hatte sie erreicht. Sie spürte ihn noch nicht, wollte sich nicht in und mit ihm bewegen. Als sie neulich von ihrer Unzufriedenheit, nicht mehr alles so machen zu können wie vor einigen Jahren, erzählte, sagte man ihr, dass jetzt das Alter beginnt, in dem Essen, Trinken und Schlafen an Bedeutung zunehmen. Sylvia widerstrebte der Gedanke, dass Schokoladenkuchen wichtiger ist als ihre Mobilität, ihre Spaziergänge, ihre Reisen. Sie hatte den Pokal ihres Lebens noch nicht erreicht. Die letzten Jahre war sie für ihn da; glückliche Stunden hatte sie mit ihm verbracht, wenn er kam. Er hatte ihr beigebracht Missgeschicke nicht als Unglück anzusehen; sondern dass sie auszugleichen sind. So hatte sie gelernt mit ihrem Handicap besser umzugehen. Er hatte sie so genommen, wie sie ist. Nun war er nicht mehr da. Sylvia wollte noch nicht zur Westengeneration gehören. Bald ist der Frühling wirklich da, die Sonne, die Wärme. Sie wollte ihre Lebensgeister wieder erwecken, aktiv sein, Wald und Wiesen besuchen, Menschen beobachten, ihre kleinen Träume verwirklichen, den Pokal ihres Lebens gewinnen. Sie wollte Leben spüren, viel Leben. . .

Sylvia wandte sich um und ging zur Sparkasse.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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