Osterfeuer und andere Lichter


Karin Ziegler - Frühjahr 2012


Beim Schreibwettbewerb 2012 waren folgende Pflichtwörter in einem Text unterzubringen:
Auge, Blumenbeet, Flamme, Klang, Nachbarschaft, Rotwein, Schlucht, Spiegel und Zwielicht.


Ute kam zu Besuch zu ihren Eltern. Diese hatten einen großen Garten, in dem sich ein Teich befand. Es roch nach Frühling. Die Vögel gaben ihr schönstes Konzert. Ute setzte sich auf die Bank vor dem Teich, sog den Duft der Hyazinthen ein, die zusammen mit Osterglocken in einem Blumenbeet vor dem Teich blühten. Sie lauschte dem Vogelgezwitscher und entspannte sich. In der Nachbarschaft war auch kein Laut zu hören. Es waren Osterferien. Am Abend sollte ein Osterfeuer entfacht werden. Ute wollte auf ihrem Spaziergang einen Abstecher dahin machen. Früher gab es kein Osterfeuer sondern ein Friedensfeuer am Vorabend des 1. Mai. In Österreich hatte sie das Sommersonnenwendfeuer erlebt. Von den Bergen leuchteten dann die Feuer ins Tal. Die Schlucht bekam ein geheimnisvolles Licht, in dem Elfen und Dämonen tanzten.
Der Klang der Glocken brachte Ute in die Wirklichkeit zurück. Sie machte sich auf den Weg zum Osterfeuer. Kinder und Jugendliche stellten sich zum Fackelzug auf, der in Begleitung von Feuerwehr und Erwachsenen durchs Dorf führte. Als er beendet war, wurde der Holzstapel angebrannt und die Fackeln darauf geworfen. Große weiße Rauchschwaden waren zu sehen. In Rom wären sie ein sicheres Zeichen, dass ein Papst die Wahl gewonnen hätte. Nach einiger Zeit entwickelte sich eine kleine Flamme, die nach oben züngelte. Bis zum großen Feuer dauerte es noch lange, da das Holz vom Regen des Vortags nass war. Ute bekam kalte Füße und ging nach Hause.
Die Sonne wollte untergehen, es entstand Zwielicht, das blendete. Sie öffnete die Tür zum Garten, trat ein und bog um die Ecke zum Teich. Sah sie richtig? Ute kniff ein Auge zu. Im Spiegel des Wassers war eine kleine Flamme zu sehen. “Na, was sagst du zu meiner Errungenschaft?” fragte die Mutter. “Sieht es nicht schön aus?” Ute erkannte die Lichter um den Teich, die eins nach dem anderen zu leuchten begannen. Die Mutter hatte eine Schwäche für Solarlichter entwickelt. “Romantisch”, sagte Ute, “und du hast deine Freude daran.” “Ja. Aber komm jetzt ins Haus. Im Warmen schmeckt das Glas Rotwein doch besser”, meinte die Mutter. Beide Frauen hatten einen Vorgeschmack auf das Erwachen der Natur, auf entspannende Abende am Teich, wenn man die Ruhe genießen kann, bekommen.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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