Lust


Karin Ziegler


Klein, zaghaft kommt es zum Vorschein,
reckt sich neugierig heraus.
Ein neues Leben entsteht.
Es wird prall, voller Saft und Kraft.
Ich habe Sehnsucht, es anzufassen.
Ich musste lange auf diese Berührung warten.
Meine Finger streichen leicht darüber.
Ich fühle diese Zartheit, dieses Pralle.
Es wird größer, im Warmen fühlt es sich wohl.
Ich habe Lust es zu berühren.
Es ist dick und samtweich,
dehnt sich aus und entfaltet sich.
Bei meiner Berührung streichen kleine Härchen an meiner Haut entlang.
Ich spüre Geschmeidigkeit, Saft,
straffe Sehnen und volles Leben.
Die Zeit schneidet Wunden.
Wieder streichen meine Finger darüber.
Ich fühle die Kanten und Risse.
Der Saft entweicht, Falten entstehen,
Samtheit wechselt mit Rauheit.
Das Leben entweicht bis zur Trockenheit,
in meiner Hand zerbröckelt das Blatt.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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