Hier bin ich Mensch


Karin Ziegler

Beitrag zum Joachim-Schnell-Schreibwettbewerb 2008.
Die in das Werk einzufügenden Pflichtwörter waren: Geduld, Hocker, Hund, Leiter, Lüge, Luftballon, Schaukel, Sorge und Treppenhaus.


Die Stadt schmückte sich zu ihrem Fest. Die Geschäfte hatten Luftballons an den Außenfassaden befestigt und in den Fenstern strahlten Neonleuchten in bunten Farben. An den Straßenrändern waren Buden in Fachwerkoptik, die verschiedene Artikel anboten, aufgebaut worden. Auf den Plätzen standen Schaukel, Karussell, Riesenrad und Trampolin und Bühnen waren aufgebaut. Überall erklang Musik und eine bunte Menschenschlange wand sich durch die Straßen. Man kam nur Schritt für Schritt vorwärts.

Vor mir gingen eine Frau und zwei junge Männer. “Gleich passiert es, dass ich dem Hund auf den Schwanz trete”, sagte der eine zum Anderen. Erst jetzt sah ich, dass die Frau einen kleinen Hund an der Leine führte.

Am Straßenrand war ein Gerüst mit einer Leiter, die eine rote Sprosse hatte, aufgebaut. Kam man da hinauf lachte ein Geldgewinn. Doch wurde die erste Sprosse betreten, drehte sich die Leiter und der Kletterer fiel hinunter. Der Budenbetreiber kannte natürlich den Trick und erreichte mühelos die rote Sprosse.

Vor uns war ein Gebäude mit einem gläsernen Treppenhaus zu sehen. Auf jedem Podest stand ein anderes Automodell eines Autohauses. Die Fahrzeuge waren mit bunten Ballons geschmückt. Ein Luftballon, in dem sich ein kleines Auto befand, schwebte über jedem Fahrzeug. Abends wurde das Treppenhaus angestrahlt und bot einen tollen Anblick.

Die Menschenmasse kroch weiter. Unser Blick fiel auf ausgestellte Bilder. Ein Mann stand an einer Staffelei. Ihm gegenüber saß eine Frau auf einem Hocker. Die Augen des Malers gingen immer wieder zum Modell ehe er den Stift auf dem Blatt ansetzte.

Der Geruch von Bier und Gebratenem stieg uns in die Nase. Wir kamen an einigen der zahlreichen Getränke- und Imbissstände vorbei. An diesen Tagen des Stadtfestes brauchte man viel Geduld, um die Fußgängerzone zu durchlaufen.

Der Himmel wurde dunkel und es sah nach Regen aus. Ich hatte Sorge, dass ich trocken nach Hause kommen würde, denn ich hatte den Schirm vergessen. Im Volksmund heißt es, dass man in dieser Stadt mit dem Regenschirm auf die Welt kommt. Meist regnet oder gewittert es an solchen Cityfesttagen so stark, dass die Veranstaltung abgebrochen werden muss. Doch heute hatten wir Glück, die Sonne kam nach einiger Zeit heraus und ich konnte den Heimweg trocken antreten.

Als ich eine Nachbarin traf, fragte sie, ob es mir gefallen hätte. Es wäre eine Lüge gewesen, wenn ich dieses verneint hätte. Mir tut es zu solchen Anlässen gut in die Menschenmasse einzutauchen, eins zu sein mit ihr, fröhliches Lachen und Musik zu hören, sich nach den Klängen zu bewegen und die Menschen hautnah zu erleben.

In diesen Augenblicken weiß ich “Hier bin ich Mensch, hier darf ich es sein” und fühle mich lebendig.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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