Gruppensatire


Karin Ziegler - Mai 2011


Ich wurde zu einer Veranstaltung wegen eines Nebenjobs eingeladen. Der Saal war brechend voll von Mitgliedern dieser Gemeinschaft, die fest zusammenhielt und sich gegenseitig half. Die Leitung betrat das Podium und wurde musikalisch, klatschend und mit Begeisterungsrufen empfangen. Jeder berichtete von sich: “Ich bin der Größte, verdiene viel Geld, und das könnt ihr auch, wenn ihr es wie ich macht. Verbreitet unsere Artikel, werbt neue Leute an, die für euch arbeiten.” Alles klatschte und rief: “Wir lieben euch.” Herr Meyer berichtete: “Ich hatte meine Arbeit verloren, da kam ein Nachbar und erzählte mir von euch. Ich vertreibe nun unsere Artikel, habe einen Job, verdiene viel Geld, betreue Menschen und ihr helft mir, damit ich nicht alleine dastehe. Ich bin begeistert. Ich habe es geschafft. Ich bin der Größte.” Alle klatschten und riefen: “Du bist der Größte.” Herr Müller war skeptisch, als ihm seine Schwester von der Gruppe erzählte. Erst nach 2 Jahren wurde Herr Müller erleuchtet. Er sah ein Licht und die große Hilfe für andere Menschen. Nun verkauft er auch Artikel, hat Leute unter sich und betreut sie. Er fühlt sich selbstbewußt, ist der Größte und steht auf der bronzenen Stufe des Gewinns. Wieder Klatschen, Aufstehen der Menschen und Rufe: “Wir lieben dich, du bist der Größte.” Ich fühle mich in die Zeit des Bestehens der DDR zurückversetzt. Das hatte ich schon alles mitgemacht. Herr Schulz kam im Rollstuhl und berichtete: “Ich saß im Rollstuhl, war gelähmt und hatte allen Lebensmut verloren. Ich war allein und am Boden zerstört. Ein Nachbar erzählte mir von der großen Gemeinschaft, die stets hilft und niemand fallen läßt. Man kann durch Betreuung von Menschen und Verkauf viel Geld verdienen. Das war was für Herrn Schulz. Er stellte Töpfe vor und verkaufte sie. So hatte er eine neue Aufgabe gefunden, betreut 10 Leute und wurde dadurch wieder selbstbewußt. Und dann geschah das Wunder. Nach 2 Monaten konnte Herr Schulz wieder laufen, obwohl die Schulmedizin das nicht für möglich hielt. Er war geheilt. Der Saal tobte:“ Wir lieben dich. Du bist der Größte. Ein Wunder ist geschehen, ein Wunder ist geschehen.” Die Menschen standen klatschend da. Musik spielte Melodien vom Heldentum, Liebe zum Leben und anderem positiven Inhalt. Immer wieder schrie die Menge:" Wir lieben dich, du bist der Größte. Ein Wunder. Wir lieben dich.” Er hatte die silberne Gewinnstufe erreicht. Ich war ernüchtert. Ich liebte niemand.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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