Eine Zugreise


Karin Ziegler - Mai 2011


Ich saß im Zug und wollte nach Thüringen zum geplanten Klassentreffen fahren. Eine ältere Dame kam außer Puste an, blieb vor der Innentür stehen und erzählte, dass ihre Schwester und ihr Schwager noch kommen. Danach traf das Ehepaar ein und der nette Herr an meinem Tisch bot ihnen seinen Platz an, damit sie zusammen sitzen konnten. Die einzelne Dame redete auf ihren Schwager ein: ”Herbert, jetzt sind wir da, jetzt haben wir es geschafft. Das ist doch schön. So eine Hektik. Gut, dass uns der Herr den Platz angeboten hat, nicht wahr, Sigrid?” “Ja, Doris, das war gut.” Nach einer Viertelstunde erzählte mir Doris: ”Wir wollen nach Weimar. Mein Sohn ist dorthin gezogen. Ich war schon im Dezember da, aber meine Schwester und mein Schwager noch nicht. Ich war früher Tänzerin, schwebte wie eine Feder über das Parkett. Ich war rund um den Erdball unterwegs. Ich habe zwar kein großes Vermögen damit verdient, aber mir geht es gut. Weißt du noch, Herbert, als ihr mich besucht habt in den verschiedenen Städten? Als ich dann älter wurde, wechselte ich zum Bauchtanz.”

Wir fuhren an Windkrafträdern vorbei und Doris erzählte ihren Verwandten: ”Ich habe jetzt nach dem Gau von Japan auf Ökostrom umgestellt. Mich regt es auf, wie die Politik zum Spielstein der Wirtschaft wird. Ich war über den Atomausstieg froh. Dann kam die neue Regierung und beschloß die AKW-Verlängerung. Da hat die Frau Merkel Honig ums Maul geschmiert bekommen, damit sie zustimmt. Der Gau in Japan ist doch der pure Wahnsinn. Tschernobyl hat schon viel angerichtet. Jetzt ist auch noch Iran ans Netz gegangen. Wo soll das nur hinführen? Wir müssen alle umdenken. Ich will mein Scherflein dazu beitragen mit meinem Wechsel zum Ökostrom.”

Doris wurde unterbrochen, denn es wurde der bestellte Kaffee serviert. Sie aß ein Stück Kuchen dazu. Dann waren sich die Frauen einig, dass sie sich ein Fläschchen Rotwein gönnen. Herbert bekam nichts davon, er musste krank sein. Doris nahm das Gespräch wieder auf: ”Herbert, stell dir vor, in zwei Stunden sind wir in Weimar. Da gehen wir vom Marktplatz zum Goethehaus. Ich freue mich so auf die Sinfonie im morgigen Konzert, Sigrid. Es ist mein Lieblingsstück.” Dann hing sie ihren Gedanken nach und genoß den Wein.

Erfurt näherte sich, und ich packte meine Sachen. “Ich freue mich auf Weimar, auf meinen Sohn, seine Frau und das Baby. Ich war die ganzen Jahre nicht im Osten. So komme ich jetzt auch hin”, sagte Doris. Ich wünschte allen gute Weiterfahrt und viel Spaß auf Goethes Spuren.

Warum sollen nicht auch Westdeutsche im Osten Arbeit finden - und wenn es nur an den Uni`s ist, dachte ich. Der größere Teil der Arbeitsuchenden muß den anderen Weg gehen. Aber so lernen auch Weltreisende den Osten der Republik kennen.

Ich stieg aus.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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