Die weiße Wolke


Karin Ziegler


Er saß im Garten unter einem Pflaumenbaum und träumte. Da kamen ihm Gedanken, Gedanken an seine Jugend, an seine erste Liebe. Aufgeklärt wurde er nicht, aber probiert hatte er es schon, die ersten Küsse getauscht unter einem Pflaumenbaum.
Er wusste noch wie sie hieß, sah vor sich ihr Gesicht. Und doch sah er es nur verschwommen, denn aus den Augenwinkeln beobachtete er eine weiße Wolke am Himmel, wie sie leise mit dem Wind weiterwanderte. Sie faszinierte ihn, so weiß war sie, schneeweiß am azurblauen Himmel.

Er wollte gern auf dieser Wolke sitzen und mit ihr über Grenzen hinwegziehen, keine Schranken kennen, nicht eingeengt sein, frei sein. Wie schön wäre es, andere Länder kennen zu lernen, Menschen, wie sie lebten.
Er saß auf der Wolke, die nur für ihn gekommen war und sah nach unten. Felder, Wälder, Seen, Meere und Wüsten lagen unter ihm. Einmal die Welt sehen, das war sein größter Wunsch.

Seine Lippen lagen noch auf ihrem Mund.

Als er aufsah, war die weiße Wolke mit dem Wind weitergewandert und fast verschwunden. Er erinnerte sich an den Kuß und die Pflaumenbäume, aber vor allem an die weiße Wolke.

Heute, 10 Jahre nach der Wende konnte er reisen ohne Grenzen, die ihn einengten. Er konnte die Welt sehen, andere Länder und Menschen kennen lernen.
Seine Träume hatten sich erfüllt.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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