Der Wink mit dem Zaunpfahl


Karin Ziegler


Katarina saß im Schaukelstuhl, sah zum Fenster hinaus und dem Tanzen der Schneeflocken zu. Ihr Tanz war schneller, wenn der Wind das Treiben bestimmte, dann war es eine Mazurka, ein Galopp, dann nahm der Wind sie mit auf die Reise und die Schneeflocken erreichten die Erde auf Umwegen.
Ein anderes Mal waren die Flocken in Begleitung, wurden immer schwerer, hatten einen kürzeren Weg und kamen zu keinem Tanz. Vielleicht schrieen auch kleine Flöckchen, die das Spiel nicht kannten: “Hilfe, ich falle”.
Kamen viele Schneeflocken zusammen, gab es ein richtiges Gedränge in der Wolke, die der Masse dann nachgab und platzte. Dann fielen die Flocken dicht gedrängt im Walzertakt zur Erde.

Katarina musste lächeln, als sie daran dachte. Sie sah sich auf einer Wolke sitzen, die sie Nr.7 nannte. Sie schwebte leicht und immer höher. Katarina staunte, dass dieses weiße., leichte Gebilde ihre vielen Kilos aushielt. Aber der Wolke schien die Last nichts auszumachen, sie schwebte immer höher.
Nach einiger Zeit kamen sie an einem goldenen Tor an. Katarina stieg von Nr.7 ab und sah einen großen goldenen Stern an dem Tor, der wahrscheinlich eine Klingel war. Sie fasste ihn an und er fiel langsam an das Tor zurück. Ein leises Klingen von tausenden Glöckchen war zu hören. Aber die Tür öffnete sich nicht. Sie versuchte es ein 2. und 3. Mal. Jetzt hörte sie hinter dem Tor ein leises Schlürfen. Es wurde geöffnet und ein alter Mann kam zum Vorschein. Er hatte Pantoffeln, die denen des kleinen Muck ähnelten, an. Ein weiß-goldener Mantel umhüllte seine kleine, dickliche Gestalt und langes weißes Haar umgab sein gütiges Gesicht, in das weiche Falten eingegraben waren. Auf dem Kopf trug er eine spitze, hohe, goldene Haube.
“Guten Tag Katarina”, begrüßte er sie lächelnd. “Woher weißt du, wer ich bin?” fragte sie staunend. “Ich kenne alle Menschen. Irgendwann erscheinen sie alle an diesem Tor, dessen Hüter ich bin und begehren Einlaß. Ich entscheide dann, ob sie würdig sind in dieses Paradies einzuziehen. Doch du bist durch einen Zufall hier. Was möchtest Du wissen?” fragte der Alte. “Was muß man tun, um eingelassen zu werden?” war Katarinas Frage. “Man muß Gutes tun. Nun Katarina, was hast du auf Erden getan?” wollte der Hüter das Tores wissen. “Ich besuchte meine Großeltern, als die Grenzen offen waren, und war für sie da”. “Gut”, sagte der Alte, “und weiter?”. “Ich betreute meine Nichte und Neffen als Kinder, wenn ich gebraucht wurde, stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite, wie heute auch, wenn sie wollen”. “Schön und weiter?”. “Ich besuchte meine Eltern oft, als ich ausgezogen war, ging mit meinem Vater spazieren, beschäftigte mich mit ihm als er krank wurde. Ich verbringe die Zeit mit meiner Mutter, wenn meine Schwester und Mann in Urlaub fahren, damit sie nicht alleine ist”, erzählte Katarina. Bei dem alten Mann hatte sich auf der Stirn eine steile Falte gebildet, während sie sprach. “Das ist alles schön, was du aufzählst und was du tust. Aber mir fehlt etwas”, sagte der Hüter. “Ich weiß nicht was du meinst”, entgegnete Katarina. “Nun, Katarina, was hast du für dich getan, was tust du für dich, nur für dich?”, donnert der Alte ungeduldig los. “Ich habe mir eine Aufgabe gesucht, als ich arbeitslos wurde und berate Menschen, die wie ich betroffen sind. Es macht mir Spaß meine Erfahrungen weiterzugeben.” “Was macht dir noch Spaß oder ist es das Einzige? Du hast keine Träume mehr?”, die Stimme des alten Mannes klang drohend. “Was würdest du machen, wenn du könntest? Du hast eine bessere Sehkraft bekommen, warum nutzt du sie nicht? Es ist ein Geschenk, das du bekommen hast! Gehst du so mit Geschenken um?”, donnerte wieder der Alte. Seine Haube wippte drohend auf seinem Kopf. Eine tiefe Falte war auf seiner Stirn zu sehen. “Also, sprich Katarina”, hörte sie den Hüter mit zorniger Stimme sagen. Sie fühlte sich wie der Schuster in “Der Hauptmann von Köpenick” vor Gott, der fragte: “Was hast du aus deinem Leben gemacht?”. Er wollte kein Fußabtreter sein; er wollte was aus seinem Leben machen.
Leise, zögernd begann Katarina zu sprechen. “Ich würde in meinen alten Beruf zurückgehen. Kinder in Kita und Schulen über Blindheit aufklären, solange ich es kann, wie ich es immer getan habe, was mir Spaß gemacht hat. Ich habe es immer bedauert, meinen Beruf nicht mehr ausüben zu können. Die Arbeit mit Kindern fehlt mir”.
Der Alte nickte, obwohl noch tiefe Falten auf seiner Stirn zu sehen waren und seinen Gesichtsausdruck böse erscheinen ließen. “Und weiter?” “Ich habe ein Angebot, in einem Behindertenbeirat mitzuarbeiten. Ich müsste reisen, um mich weiterzubilden, Seminare besuchen. Aber ich würde es nach meinen Möglichkeiten machen, also wie ich es kann, es würde mir Spaß machen”, kleinlaut aber mit glänzenden Augen erzählt Katarina von zukünftigen möglichen Projekten.
Der Alte nickte und lächelte wieder nachgiebig: “So ist es recht, ich verwehre dir hier den Eingang, geh zurück, verwirkliche deine Träume, sei Egoist, es gibt dir niemand etwas von deinem Leben zurück. Nutze deine Sehkraft als Geschenk. So etwas bekommt man nicht jeden Tag. Mach etwas aus deinem verbleibenden Leben. Irgendwann wirst du wieder hier stehen und der Eingang wird dir nicht verwehrt werden. Und nun geh, Katarina, viel Glück" Der Alte gab Katarina die Hand und winkte ihr zu.
Katarina stieg wieder auf Nr.7 und leicht schwebte die Wolke zur Erde.

Katarina erwachte aus ihren Träumen. Was war das, was sie erlebt hatte. Sie dachte an den Hauptmann von Köpenick und seinen Schuster und an den Hüter des Tores. Sie wollte ihre Träume verwirklichen. Sie hatte den Wink mit dem großen Zaunpfahl verstanden.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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