Älterwerden


Karin Ziegler


Ach, wie ist das Älterwerden schön,
man kann immer viel spazieren gehen,
braucht sich mit Arbeit nicht rumzuschlagen,
bei Fehlern geht’s nicht an den Kragen.

Man steht nicht mehr in vollem Saft,
spürt ständig mehr die Erdanziehungskraft,
denn bei den Wangen fängt es an,
dann kommen die Falten am Halse dran.

Der Busen stützt sich auf den Hüftrollen ab,
die bringen dann den Bauch auf Trab,
dass der sich stark nach unten neigt,
auf die dünneren Oberschenkel zeigt.

Verdeckt dabei ein erotisches Gebiet,
das leider dann den Kürzeren zieht.
Wunderbar ist es bei Frau und Mann,
wenn man die Füße nicht sehen kann.

Haare werden grau und gehen aus,
Kommen an anderen Stellen raus,
größer werden Nase und Ohren,
die Zähne hat man auch verloren.

Die Füße werden oft breiter,
doch selber wird man nicht gescheiter;
macht im Älterwerden auch noch Blödsinn,
doch manchmal ist es ein Gewinn.

Das Älterwerden hat noch mehr zu bieten:
Es entstehen die allerschönsten Hämorriden.
Man braucht immer mehr Zeit und Kraft,
bis man seinen Alltag schafft.

Freudig kommt die Gicht auf uns zu,
Grippe, Diabetes trifft man im Nu.
Viren, Salmonellen greifen ständig an,
Das Immunsystem steht nicht mehr seinen Mann,

Aids, Krebs und Vogelgrippe,
sitzen ständig in unserer Mitte.
Tuberkulose und Rinderwahn,
befinden sich auch in unserem Kahn.
Zuletzt spielen die Hormone noch verrückt.
Wir sind vom Älterwerden ganz entzückt.

Kommen mehr Zipperlein an den Tag,
ist es oft dann eine Plag.
Der Kreislauf macht stets zu schaffen,
durch Schwindel wird man zum Affen.

Die Gelenke werden steif,
man will sich erheben wie Vogel Greif,
doch in Kürze ist man es gewiss,
es fehlt der Mumm und auch der Pfiff.

Man stellt anders seine Weichen,
muss auf der Erde weiter schleichen.
Man sieht froh ein, ob Frau oder Mann,
es geht nicht wie man will, nur wie man kann.

Man braucht mehr Zeit, Kraft und Wille,
das Älterwerden ist wie eine Bazille,
hat sie einmal von uns Besitz ergriffen,
ist der Alltag doch sehr beschissen.

Doch jeden Tag geht die Sonne auf,
der Alltag nimmt seinen Lauf,
manchmal lacht sie auch wieder,
man spürt Muskeln, Gelenke und Glieder,
man fühlt sich lebendig und auch frei,
wird älter, was ist schon dabei.

Hilfsmittel gibt es viele auf der Welt,
je nach Krankheit werden sie ausgewählt.
Eine Brille, wenn man schlecht sehen kann,
mit einem Gehstock geht es den Berg hinan,
mit Rollstuhl geht es gut hinunter,
man singt ein Liedchen froh und munter.

Am Ende wenn man es bedenkt,
dass die Evolution die Menschen lenkt,
kann man es auch verstehen,
Älterwerden ist doch soooo schön

Älterwerden macht sooo viel Spaß,
bis man endlich beißt ins Gras.

(c) Karin Ziegler / Wuppertal


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