Zwischen zwei starken Gefühlen


Karin Klasen


Ich werde mich wohl mein ganzes Leben in der Mitte zwischen der Akzeptanz meiner drohenden Erblindung und dem Aufbegehren dagegen befinden. Mal tendiere ich zu der einen, mal zur anderen Seite.

Bin ich mit mir im Einklang, also innerlich in Ruhe, kann ich das Rascheln der Herbstblätter im Wald hören und ordne sie in meiner Vorstellung meinen Erinnerungsbildern zu. So sehe ich die leicht spröden Abgesandten der Bäume auf meine, ganz eigene Weise.

Rieche ich den harzigen Geruch gefällter Bäume, sehe ich sie mit meinem “inneren Auge” als gleich lange Stämme fein säuberlich gestapelt am Wegrand liegen.

Fühle ich den eisigen Morgentau, erscheint in mir das Bild eines weißen, kristallinen Tuches, das sich in der Nacht über das Land gelegt hat.

Schmecke ich die von meinen Zähnen geknackten Bucheckern oder andere Waldfrüchte, kann ich lächeln, denn auch sie sind in Bildern in meiner Erinnerung abgespeichert.

Spüre ich mich jedoch nicht in meiner Mitte, interessieren mich all diese schönen Eindrücke nicht, sondern bin ausschließlich auf meinen großen Verlust fokussiert. Dann reagiere ich aggressiv mir selbst gegenüber, weil ich mich nicht wertig erlebe oder bin wütend darüber, dass ich so vieles nicht mehr tun kann. Dieser Zustand fühlt sich scheußlich an, doch irgendwie schleicht er sich immer wieder in mein Leben ein. Es ist, als wartete er auf eine günstige Gelegenheit, damit er sich in mir ausbreiten kann. Diese Gelegenheit ist immer dann gegeben, wenn ich ständig überfordert bin, nicht ausreichend schlafen konnte oder etwas tun oder hinnehmen muss, das ich nicht will. Dann kippt meine Befindlichkeit in Mutlosigkeit und Aggression mir selbst gegenüber um.

Je länger dieser Zustand, diese “Verweigerung der schönen Dinge sehen” andauert, umso verbitterter erlebe ich meine Tage.

Mit Sicherheit gehören beide Phasen in mein Leben, doch ich bin erleichtert und glücklich, wenn ich mich entweder aus eigener Kraft oder durch die ehrlichen Worte meiner Freunde wieder auf die Akzeptanz-Seite begeben kann! Hier ist es mir durch positive Eindrücke möglich, neue Energie zu schöpfen und so meine Kraft wieder zu finden.

Gelingt es mir, all meine schönen Erlebnisse ausreichend zu konservieren, bin ich besser gewappnet, sollten irgendwann wieder “dunklere” Tage kommen.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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