Winterzauber


Karin Klasen


Schon bei meinem morgendlichen Blick aus dem Wohnzimmerfenster, die Häuser der Nachbarn, wie auch die Straßen des Ortes sehen aus, als gehören sie noch der Nacht, kann ich ein weißes Schimmern erkennen. Jenes Schimmern, auf das ich mich schon lange freue, und auch mit Ungeduld erwartet habe.

Wie ein Schwarm Glühkäferchen erscheinen mir die hell erleuchteten Fenster der Häuser, und schattengleich schweben die lang erwarteten, filigranen, weißen Flocken zur Erde. Frau Holle hat ihre Federbetten wohl sehr gründlich geschüttelt. Flaumig weich, wie Daunen, gleiten ihre Abgesandten hernieder.

Heute ist es vollkommen windstill, so dass der helle Rauch vieler Schornsteine senkrecht aus ihnen emporsteigen kann. Nicht das kleinste Kräuseln kann ich entdecken, kein Windhauch zerrt an den duftigen Boten der Wärme spendenden Öfen. Endlich siegt der Tag über die Nacht, und ich kleide mich flink in entsprechend warme Kleidung, denn ich kann es kaum erwarten ins Freie zu kommen. Nur noch fix durch den kleinen Flur und die angrenzende Haustür, dann stehe ich inmitten eines Vorhanges, bestehend aus eisiger Luft und abertausenden Schneekristallen.

Tief atme ich die klare Luft ein, und beim Ausatmen legt sich mein gefrorener Atem auf meinen dicken knallroten Wollschal. Nun sieht er aus, als sei er mit einer Puderzuckerschicht überzogen. Jetzt zeigt sich der Himmel in beeindruckendem Blau, nicht die kleinste Wolke ist zu sehen. Forsch beginne ich zum nahen Waldrand zu wandern. Über den angrenzenden Wiesen liegt der Nachtfrost wie Mehlstaub, und ein mächtiger Eiszapfenvorhang ziert die alte, leer stehende Scheune am Rand einer Wiese. An deren Zaun erzeugte der Raureif der vergangenen Nacht filigrane Muster, ähnlich denen von gefiederten Blättern oder Spinnweben.

Lautes Vogelgeschrei lässt mich aufblicken, und ich erkenne einen riesigen Vogelschwarm, der sich soeben formiert und vor dem Blau des Himmels wie ein großer dunkler Fächer erscheint. Während ich weiter gehe, sehe ich in Gedanken uns Kinder beim Schlitten fahren. Früher war das Schuhwerk bei weitem nicht so effektiv gegen Nässe und Kälte wie das heute der Fall ist, was uns meist nasse und eiskalte Füße einbrachte. Manchmal spürten wir sie kaum noch. Erst zu Hause, wenn uns der Vater den Backofen erwärmte, damit wir unsere blau angelaufenen Füße hineinhalten konnten, erlangten sie ihre ursprüngliche Hautfarbe wieder zurück. Lang, lang ist´s her.

Mittlerweile hat der Himmel sich wieder hinter einer dichten Wolkendecke versteckt. Nur durch einen kleinen Spalt zwischen den Wolken blitzt noch einmal die Sonne auf, und lässt zu, dass sich unzählige Schneekristalle tausendfach in ihren Strahlen brechen. Dann verschwindet sie hinter einer dunklen Wolke, und lässt so deren Ränder bizarr grell erstrahlen. Ob es wohl gleich wieder schneien wird, frage ich mich, und wie auf ein Kommando geht es schon los.

Seidenweicher Schnee bedeckt behutsam das ganze Land. Wie damals als Kind schaue ich nach oben und lasse mein Gesicht von den duftig leichten Schneeflocken streicheln. Und wie so oft, wenn ich draußen in der Natur bin, beginne ich zu lächeln.

Wie ein weißer Pelz liegt der Schnee auf den nackten Ästen der Laubbäume und kleidet auch sie in sein warmes, dichtes Winterkleid. Auf den großen dunkelgrünen Tannenbärten liegt er majestätisch schön, und sorgt so auch hier für Winterflair. Vom Winterzauber derart gefangen, glaube ich sogar, die fallenden Schneekristalle hören zu können. Neugierig staunend gehe ich weiter. Im frisch gefallenen Schnee kommen mir meine Fußabdrücke beinahe störend vor, fast wie Eindringlinge im unberührten, frischen Weiß.

Es hat jetzt aufgehört zu schneien, und die Wolken räumen der Sonne wieder ihren Platz ein. In diesem Licht zeigt sich mir die Schönheit des dick in sein Winterkleid eingemummelten Landes von seiner herrlichsten Seite. Ein strahlendes, frisch geputztes Blau über mir, und das zauberhafte, ganz besondere Licht der unzähligen, bunt reflektierenden Schneekristalle um mich herum. So weit das Auge reicht nur winterliche Schönheit! In der eiskalten Luft bekommen alle Geräusche eine ganz besondere Intensität, finde ich, und stakse übermütig durch das kniehohe, nachgiebige Weiß. Klirrende Eissplitter unter mir lassen mich erkennen, dass ich mich auf einem nur leicht zugefrorenen Teich befinde. Sicherheitshalber suche ich schnell wieder den festen Boden auf, denn noch scheint das Eis mein Gewicht nicht tragen zu können.

Eis und Schnee haben alle Bäume in bizarre Wesen verwandelt. An ihren Stämmen kann ich leicht erkennen, aus welcher Richtung der Wind die weiße Pracht herangeweht hat, und das in so reichlichem Maß, dass laut hörbar die eine oder andere kleine Schneelawine von den Ästen rauscht. Lachend versuche ich ausweichend zur Seite zu springen, darauf bedacht, nicht von einer größeren Schneeansammlung erwischt zu werden. Natürlich kann dieses Unterfangen nicht gelingen, bin ich doch mittendrin im herrlichen Winterwald; und schon werde ich eiskalt vom Schnee erfasst.

Schnell dunkelt es um diese Jahreszeit, und als ich aus dem Wald trete, kann ich nur noch seine Umrisse im Gegenlicht erkennen. Rot versinkt die untergehende Sonne hinter den hohen Tannen, und es scheint mir, als berührte sie dabei deren Wipfel. Schon schlägt sich, wie auch am Morgen, vermehrt mein gefrorener Atem auf meinem Schal nieder, und in der Gewissheit, dass der Winter meine Welt noch lange nicht aus ihrer eisigen Erstarrung entlässt, wandere ich langsam wieder nach Hause.

Sagt doch selbst, ist ein Wald, in dem unzählige, bunt schimmernde Diamanten funkeln nun ein Zauberwald oder nicht?

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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