Wartezimmer-Impressionen


Karin Klasen


Entlang den Wänden, dicht an dicht aufgereiht, warten Stühle auf ihre Besetzer. Dort Platz genommen, harren die Wartenden darauf, sie endlich wieder verlassen zu können. Zeit hat hier niemand; schon gar nicht, welche zu verschenken! Dann beginnt das unruhige Umblättern der scheinbar uninteressanten Zeitschriften, vermischt sich mit unterdrücktem Gemurmel und den ungeniert lauten Rezept-Fetzen eines Gerichtes, das man unbedingt auszuprobieren hätte. Kinder sind nicht anwesend, und so bleibt das Clown-Fisch-Puzzle “Nemo” unbeachtet liegen. Unruhige Füße scharren leise über den Boden, so, als wollten sie rasch auf und davon. Weiße Frotteesocken in braunen Schuhen; zu kurz geratene Hosen, die bei übereinandergeschlagenen Beinen den Blick auf schwarz gelockte Männerbeine freigeben; und, zwei Stühle vor dem gut besuchten WC, quellen dick verhornte Zehen aus alten Sandalen. Unschönes Bild. Mein Blick sucht weiter oben nach Entspannung. Keine Chance, weil viel zu enge Shorts zu halten suchen, was im Begriff ist, sich explosionsartig auszudehnen. Verschiedene Parfüm- und Deo-Duftnoten legen sich schwer über penetranten Schweißgeruch. Nach einer Stunde wird die Luft immer dicker; hat der Sauerstoffgehalt rapide abgenommen. Diejenigen, aus dem Menschen-Puzzle, die nichts zu tun wissen, starren in die gleiche Richtung: Zur magisch anziehenden Behandlungstür!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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