Verfallsdatum


Karin Klasen


Seit Kindertagen bestimmt eine Botschaft meinen Tagesablauf, die da lautet: “Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!” Leider hat sie bis heute vehement ihre Gültigkeit durchgesetzt.

Wie üblich versuche ich bienenfleißig meine täglich anfallenden Arbeiten möglichst perfekt zu erledigen. Ob das nun ein ausschließlich positives Attribut oder eher zwanghaftes Verhalten ist, vermag ich nicht eindeutig zu sagen. Doch mittlerweile machen sich zunehmend die Jahrzehnte bemerkbar. Diverse Wehwehchen registriere ich höchstens beiläufig, schließlich, da bin ich rigoros, habe ich Wichtigeres zu tun.
Fassungslos lege ich notgedrungen kleinere Pausen ein; bin ich denn schon Hundert? Aber noch immer bestimmen Arbeit und Hetze meinen Alltag.
Ich bin eine schlechte Schülerin im Ausruhen, sollte jedoch dringend eine Knautschzone dafür finden!

Am Nachmittag, so nehme ich mir deshalb vor, setze ich mich für eine begrenzte Zeit auf’s Sofa und werde meinem Hobby dem Schreiben, die nötige Referenz erweisen. Auf gar nicht rätselhafte Weise jedoch, verschwindet auch diese Zeitspanne im gefräßigen Schlund meines Pflichtgefühls. Lediglich geistesabwesend kann ich mich kurz hinsetzen und versuche zu schreiben. Jetzt, nicht gleich, müsste mir etwas einfallen, denn später muss ich doch ...... Aber so macht das keinen Spaß und ein Gelingen ist ausgeschlossen. Na toll, Poesie in “Müd”.

Auf die Dauer wird das nicht mehr funktionieren, zu ausgelaugt und abgespannt fühle ich mich. Mit nervtötender Langsamkeit arbeite ich mich durch die Stunden - ich bin einfach ausgepowert! Gelingt es mir nicht, mein Konzept zu Gunsten von Auszeiten zu verändern, werde ich scheitern!
Hartnäckig versuche ich immer wieder mir eine Auszeit zu genehmigen.
Kapitulation vor der Arbeit fühlt sich scheußlich an, und ich bin beunruhigt ob meines ersten Ruhe-Streiks.

Heimlich, still und leise wird der Widerstand in mir intensiver. Ich habe gelesen, dass (Zitat): “Als Zeit bezeichnet man einen in der Zukunft liegenden, gegenüber dem Gegenwärtigen im Allgemeinen veränderten, erstrebenswerten und angestrebten Zustand.” Genau!
Mit einer gewissen Loyalität mir selbst gegenüber werde ich lernen, die Monotonie der fortwährenden Arbeit, und die damit verbundene Hetze, zu unterbrechen. Ausruhen ist auch eine Fähigkeit, und die würde ich mir zu gerne gönnen; Ruhe als Privileg - einfach himmlisch!

Seit einer Woche versuche ich nun unumstößliche Ruhepausen einzulegen, muss aber unumwunden zugeben, dass mir das als quirlige Nudel, die ich nun einmal bin, nicht immer gelingt. “Missglückte Zähmung!”, nenne ich meinen Misserfolg scherzhaft.

Durch kleine Spaziergänge habe ich versucht, die Hetze auszutricksen; Distanz als Regulator. Was habe ich zu verlieren, einen Versuch ist es allemal wert.

Jetzt kommt mir der geniale Gedanke bezüglich eines Ablaufdatums. Das hat schließlich jede popelige Konservendose. Wieso eigentlich nicht diese, längst überholte, gammelige Botschaft aus Kindertagen? Jene Botschaft, die es mir noch immer hin und wieder vergällt, meinen Tagesablauf zu meinen Gunsten einzuteilen?

Ich bin enttäuscht; kann ich das nicht besser? Dann jedoch merke ich, dass die Enttäuschung das Ende einer Täuschung ist! Darüber bin ich nun wieder froh. Wäre doch gelacht; ich habe schon ganz andere Schwierigkeiten gemeistert!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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