Süchtig


Karin Klasen


Anders zu sein hat, wie ich weiß, zunächst nichts mit Behinderung zu tun, sondern vielmehr mit der unglaublichen Vielfalt, wie Menschen ihre Welt erleben.
Drei Menschen darf ich zu meinen Freunden zählen! Jeder von ihnen ist anders - auch anderes als ich. Mit einem von ihnen teile ich seit 44 Jahren mein Leben. Dennoch kann ich mir nicht immer vorstellen, wie er seine Welt erlebt. Was er priorisiert, daraus folgert, reagiert und handelt, kann ich nur selten nachvollziehen, ohne dass wir darüber gesprochen haben. Er aber, geht erst einmal davon aus, dass ich verstehe; umgekehrt verhält es sich ebenso. Was für jeden erst einmal völlig klar ist, versuchen wir dann einander mitzuteilen. Manchmal jedoch kommen wir nicht einmal auf die Idee, der andere verstünde etwas anders, schließlich erscheint das eigene Erleben logisch und klar! Das, was für mich deutlich wahrnehmbar ist, kann im gleichen Augenblick für meinen Freund eine völlig andere Bedeutung haben.

Hin und wieder ist die Kluft der Missverständnisse zwischen uns so tief, dass es mich schmerzt. Dieser Schmerz verlangt gespürt zu werden. Mein Mut, der dann und wann in sich zusammenfällt, kann erst nach einem klärenden Gespräch wieder auftrumpfen und alle Register ziehen. Dazu halten wir ein im Alltagsgeschehen, nehmen wahr und stellen uns der Herausforderung zu ergründen, was wir nicht voneinander wissen. Besonders wenn ich mich hilflos fühle weil der Weg unter meinen ungelenken Gehversuchen schwankt, heißt es: alle Kraft voraus! Und alle Kräfte einsetzen bedeutet manchmal um Hilfe zu bitten. Gelingt mir das, und mein Freund bietet mir seine Sicht auf die Dinge an, erschaffen wir gemeinsames Erleben. Er zum Beispiel, kann in vielen Situationen augenblicklich reagieren. Ich hingegen reflektiere, überlege und versuche sorgsam abzuwägen. Gedanken scheinen die Bestimmer meines Handelns zu sein. Sie mäkeln, wenn ich intuitiv zu agieren versuche, als seien sie die Wächter meiner Aktivitäten. Der griechische Philosoph Anaxagoras schrieb: “Am Anfang war alles beisammen, dann kam der Verstand und schuf Ordnung.” So erlebe ich.

Wir gehen also grundlegend anders mit Erleben um. Fantastisch, wie rasch er etwas at acta legen kann, staune ich.
Es kommt aber auch vor, dass sich meine Vorgehensweise als überaus hilfreich bewährt - dann staunt er. Mittlerweile haben wir erkannt, dass ein unschlagbares Team bilden! Die Frage nach dem “Warum” und “Wozu”, eine philosophische Provokation, stellt sich uns nicht mehr! Beinahe täglich staunen wir über die sinnverwirrende Annahme zu wissen, was und wie der andere gerade wahrnimmt. Eine indianische Weisheit besagt: “Urteile nie über einen Menschen, wenn du nicht wenigstens einen Mond lang in seinen Mokassin gegangen bist.” Ich kenne diese Metapher längst, konnte sie aber bis vor kurzem nur unzureichend deuten. Es fällt mir schwer genügend Vertrauen für diesen Entwicklungsprozess aufzubringen, mich immer wieder offen mitzuteilen - Verletzungsgefahr! Ein Kräftemessen zwischen Wollen und Fühlen. Daher komme ich oft an die Grenze meines Vertrauenkönnens. “Alles wird gut, posaunt das Positive Denken. Alles ist gut, flüstert das Urvertrauen.” (Andreas Tenzer)
Ein weiteres Zitat erscheint mir zutreffend. Seneca sagte: “Vertrauen ist die Oase in deinem Herzen, in der die Karawane des Denkens niemals ankommen wird!”

Also: alle Kraft voraus! Trotz, oder gerade wegen der unterschiedlichen Lebensstrategien gilt für alle Menschen, die ein Miteinander wünschen, sich gegenseitig zu respektieren. Die Überzeugung als gleichberechtigte Gesprächs-Partner zu kommunizieren, ermöglicht es, unser Anderssein zu erkennen und wertzuschätzen. Wir können unendlich viel voneinander lernen, bieten wir dem anderen unser Wahrnehmen als Bereicherung, statt als Kritik an. Hilfreich, wenn der Partner es ebenso empfangen und annehmen kann.

Es ist die Sehnsucht in einen gewissen Gleichklang, einen Rhythmus zu kommen, die uns nicht aufgeben lässt!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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