Sommer, Sonne, Bienenzeit


Karin Klasen


“Herzlich willkommen, meine Damen und Herren!
Zu einer ganz besonderen “Entführung ins Tierreich”, meldet sich Susi Neugier unter dem Motto “Spektakuläres Massensterben” life von der Waldlichtung des Wirscheider Forstes, inmitten eines, mir völlig fremdartigen Volkes. In der Sonnenscheinflut dieses Spätsommertages herrscht ein Tohowaboho, das Sie sich ansehen sollten. Dieses unaufhörliche Summen und Brummen bringt mich aus der Ruhe, und stellt mich als weit gereiste Reporterin auf eine harte Probe. Im Sekundentakt, scheinbar orientierungslos, starten und landen die Bewohner aus der Insektengruppe der Hautflügler.
Wussten Sie, dass ein Volk dieser staatenbildenden Honigproduzenten für nur 500 Gramm der Süßigkeit, umgerechnet dreimal um die Erde fliegen muss? Wie Sie sehen und hören, werde ich von unzähligen Tieren umschwirrt. Erkennen Sie die gold-gelben Pollenbündel an ihren Hinterbeinen? Es sind vollgepackte Arbeiterinnen auf dem Weg zurück in den Stock.
Eine Wespentaille haben sie nicht gerade, und auch keine knallgelben Streifen im dunklen Panzerkleid. Ihre Hinterleiber sind, entgegen des weit verbreiteten Irrtums nicht auffällig geringelt. Lediglich helle, filzige Haarbinden lassen ihre dunklen Körper so erscheinen. Sicherheitshalber, schließlich will ich nicht die Bekanntschaft ihrer, mit Widerhaken bestückten Giftstacheln machen, verhalte ich mich ganz ruhig, mache keine unruhige Bewegung. Einen Wehrstachel tragen lediglich die Königin und ihre weiblichen Untergebenen, also Arbeiterinnen.
Gerade summt eine der Honig-Bienendamen heran; meine erste Interview-Partnerin: “Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wann die Honig-Bienenherren hier einfliegen?”
(Arbeiterin) “Platz da! Oder willst du meinen Wehrstachel in deiner Haut spüren?”
“Schon gut, ich gebe nach, wenn’s nicht anders geht; aber warum sind Sie so angriffslustig, werte Dame? Schließlich bin ich wegen eurer Adrenalin-Junkies hier! Hallo! Sie können mich doch nicht einfach so hier stehen lassen!”
Liebe Zuschauer: So viel geballte Unfreundlichkeit; das gibt’s doch
nicht - fliegt einfach davon. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf die summenden Herren zu warten.
Jene Luftikusse, die es versessen darauf anlegen sich mit der Königin zu paaren und dabei gleichzeitig ihren eigenen Tod in Kauf nehmen.
“Verzeihung mein Herr, was würden Sie von der Unabhängigkeit aller Drohnen halten?”
(Drohn) “Lassen Sie mich in Ruh‘. Hab keine Zeit zu verlieren.”
So schnell gebe ich dieses Mal nicht auf. Ich versuch’s mal provozierend: “Jetzt mal ehrlich Herr Drohn; das tun Sie doch nicht etwa freiwillig? Ich meine damit die gefährliche Ausübung Ihres Jobs. Unsere Zuschauer möchten gern mehr darüber erfahren.”
(Drohn) “Na hören Sie mal, merken Sie nicht, dass ich gerade dabei bin, mit meinen feinen Antennen den Pheromonduft unserer Königin aufzunehmen? Das ist meine, ist unsere Dohnen-Lebensaufgabe! Haben Sie etwa keine? Gehen Sie mir also aus dem Weg.”
Es ist unfassbar, liebe Zuschauer. Er wird tatsächlich, so wie seine Kollegen, in sehnsüchtiger Pflichterfüllung, seinem schrecklich-schönen Ende entgegenfiebern.
(Königin) “Ich weiß nicht, worüber Sie sich so aufregen.”
“Verzeihung, Majestät, ich habe Sie nicht bemerkt. Wie schön, dass Sie sich die Ehre geben.”
(Königin) “Du solltest wissen, Mensch, unser Bestand ist für eure ökologische Bedeutung zum Erhalt der Wild- und Kulturpflanzen unabdingbar wichtig! Wir zählen zu den wichtigsten Bestäubern weltweit! Längst haben wir mit den Blühern eine Co-Evolution gebildet; ja, wir brauchen einander sogar. Euch hingegen - nicht! Wir alle, auch die Drohnen, werden bekommen, was wir wollen/brauchen. Für mehr sind die Bienen-Herren nicht vorgesehen! Let‘s go!”
“Bitte nicht abheben, Majestät, ich habe noch viele Fragen. Zum Beispiel ...” Schade, weg ist sie; und lässt uns fassungslos in dem Wissen zurück, dass die stillschweigende Verbindung, diese geheime Komplizenschaft zwischen ihr und den Drohnen gerade jetzt stattfinden wird. Schon während des Hochzeitsfluges; hoch über mir und ringsum mich herum schwirrt es ohnegleichen, findet die Begattung statt; bemerkenswerte Leistung, muss man sagen! Sie werden gleich miterleben, dass die Drohnen anschließend von der Königin abfallen, wobei einer ihrer wesentlichen Körperteile in ihr verbleibt, und sterben! Ein Bild des Jammers! Für diesen einmaligen Augenblick leben Drohnen. Ob sie ahnen, wie flüchtig ihr Heute ist?
Die Königin wird die Spermien aller, sie begattenden Drohnen bis zu ihrem eigenen Lebensende in ihrer Samenblase aufbewahren, und diese als alleiniges, sich reproduzierendes Weibchen, verwenden. Das Erbe der Drohnen, deren Leben meines Erachtens alles andere als einfach war, werden neue junge Bienen sein.
Den Gipfel des Massensterbens, liebe Zuschauer, bildet die so genannte Drohnenschlacht. Dabei wird sämtlichen überlebenden Drohnen radikal der Einflug in den Stock verweigert. Kein soziales Miteinander mehr, so dass sie zu Hunderten nach kurzer Zeit sterbend zu Erde fallen; was für eine Tragödie! Von wegen Sommerzauber!

Wieder einmal können wir miterleben, wohin blinde Dienstbeflissenheit und unbedingter Gehorsam führen können.
Und während die Grillen ihr abendliches Konzert zirpen, stehe ich mitten in diesem Alptraum; dieser irren Ko-Show!

Damit gebe ich vom Wirscheider Forst zurück in die Redaktion.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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