Notwendiges Umdenken


Karin Klasen


Vor der blassen Vollmondscheibe huschen Tausende Flughunde vorbei; schwarz auf weiß, wie fremdartige Schriftzeichen. Was mögen sie wohl bedeuten? Vielleicht: “Menschen, achtet die Natur!”

Wie eine lebendige Trutzburg steht eine 500jährige, mächtige Eiche auf ihrem lichtdurchfluteten Platz inmitten des großen Waldes. Ihr Areal erscheint wie eine paradiesische Insel. Unter ihrem dichten Blätterdach wachsen lediglich Moose; bis auf eines ihrer Eichenkinder. Dieser Winzling hat sich schon zu einem stattlichen Sprössling gemausert.

Voller Würde trägt der wuchtige Stamm mit seiner markanten rauen Borke das Gewicht des hohen Geästes und dessen dichtes Blattwerk. Ein solches Naturdenkmal ist ein wertvoller Botschafter der Vergangenheit.

Die Germanen verehrten die alten, knorrigen Persönlichkeiten und schrieben ihnen mächtige Kräfte zu, so dass sich der Pulsschlag des Lebens ungehindert immer weiter ausbreiten konnte.

Mittlerweile hat ein Wettlauf begonnen: Die Natur missachtende Geldgier und die Liebe ihr gegenüber treten gegeneinander an. Ich hoffe, dass die Liebe der Geldgier das Staffelholz aberkennen kann. Ich will nicht, dass meine Kindeskinder unsere herrlichen Wälder lediglich durch Erzählungen kennen, die mit den Worten: “es war einmal” beginnen. Ein furchterregender Gedanke!

Unser Wald liegt unmittelbar vor meiner Haustür. Wie ein Freund nimmt er mich stets unter seine grünen Fittiche, und ich achte diese grüne Lunge ebenso als Freund, denn im dichten Grün fühle ich mich geborgen. Die berauschenden Farben des Herbstes, die mit verschwenderischer Pracht malkastenfarbige Akzente zaubern sind Schönheit in Perfektion! Diese Oase spendet mir immer wieder aufs Neue Freude, und ich fühle mich tief mit ihr verbunden.

Denke ich an die ewig grüne Welt des Amazonasgebietes oder andere Urwälder, die durch brachiale Abholzungen verlorengehen, spüre ich Traurigkeit, Fassungslosigkeit und eine unbändige Wut auf die materielle Knechtschaft vieler Menschen. Sie zerstören unzählige Leben und hinterlassen tiefe Narben auf und in der Erde.

Statt der lebensspendenden Natur Schaden zuzufügen, und damit letztlich uns selbst, ist ein respektvoller Umgang, eine gewisse Demut und der Wunsch die natürlichen Zusammenhänge verstehen zu wollen, unumgänglich. Eine lebendige Weiterentwicklung gegen starre Denkmuster und Profitsucht bis hin zum Verstehen, dass es ein Gleichgewicht zwischen Mensch und Flora (selbstverständlich auch für die Tiere) geben sollte. Mit der Natur leben, nicht gegen sie, das wäre Ausdruck von der Größe der Menschen. Eine Umgebung ohne jedes lebendige Grün ist für mich unvorstellbar.

Eine Weisheit aus dem 9oo Kilometer weit entfernten Japan besagt, dass beim Betrachten der Natur Gefühle geboren werden.

Bei mir selbst ist es so, dass ich mich gut, und der Natur zugehörend fühle. Auf diese Weise werde ich niemals allein sein. Zu etwas so Lebendigem dazuzugehören, macht mich glücklich und sehr reich an Gefühlen. Die Natur lässt uns atmen, entspannen und zur Ruhe kommen; sie kann uns ernähren und uns mannigfaltig über ihr Können staunen lassen.

Vieles hat der Mensch schon von ihr gelernt. So zum Beispiel konnte ein naturbelassener Klebstoff erarbeitet werden; Klettverschlüsse sahen wir uns von den Kletten und deren Funktionalität ab; von der Lotospflanze, der Kapuzinerkresse, dem Weißkohl und der Akelei lernten wir den Lotoseffekt zu nutzen. Die Beispiele ließen sich ohne Problem fortsetzen; viele geniale, natürliche Tricks haben wir noch zu lernen.

Die Natur lässt uns Menschen teilhaben an ihrem Sein. Sie war schon lange vor uns da, vergibt uns wann immer es ihr möglich ist, und versucht uns zu lehren, sie zu lieben und wertzuschätzen. So hält sie uns aus und wartet darauf, bis wir alle endlich erkennen, dass ohne sie kein Leben möglich ist. Dabei könnte sie gut ohne uns existieren, wir jedoch nicht ohne sie!

Manchmal frage ich mich, wie lange sie unsere Frevel noch ertragen kann.

Eine friedvolle, respektvolle Begegnung mit Mutter Natur wird auch unser eigenes Leben bereichern. Die Welt und das Zusammenleben auf ihr begreifen lernen, darauf kommt es an.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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