Neubeginn des Lebensrhythmus


Karin Klasen


Vor einigen Wochen legte sich lautlos der Winter über das ganze Land. Wochenlanger Schneefall verschluckte den Lärm des Lebens. In dieser stillen Kälte kann ich die Weisheit Laotses am besten nachvollziehen, die besagt, dass die Stille die größte Offenbarung ist.

Doch in der an Kraft gewinnenden Sonne beginnen die Farben des Winters langsam zu verblassen. Ungestüm erwacht mit dem einziehenden Frühling alles Leben aufs Neue. Die Luft fühlt sich an, wie frisch gewaschen.

Dann verbannt der Sommer mit überzeugender Kraft die Zartheit des Frühlings; die Sonne nimmt sich jetzt viel Zeit, um alles Leben angemessen zu verwöhnen.

Später sorgt der Herbst für Ablösung, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die von den Bäumen und Büschen gelösten Blätter füllen die Luft wie bunte Vogelschwärme. So weit das Auge reicht, zeigt sich die natürliche Schönheit im Überfluss. Die Vielfalt der Natur ist in ihrer Perfektion einzigartig, bringt sie doch eine Balance zwischen Wachsen, Vergehen und regenerierender Ruhe mit sich. All diese Veränderungen, dieses wechselseitige Verbundensein der Jahreszeiten, bedeuten zugleich, dass ein Neubeginn stattfinden kann.

Ja, Veränderung bewirkt Neubeginn - und umgekehrt!

Wer nach diesem Aphorismus bemerkt, dass durchaus auch der Neubeginn im Leben eines Menschen gemeint sein kann, hat mich richtig verstanden.

Um mein Leben verstehen zu lernen, brauchte ich nicht den Kuss eines Prinzen, sondern die Erkenntnis, dass ich nicht wie gewohnt weitermachen konnte. So erwachte ich aus meinem Dornröschenschlaf, und begann endlich damit, meinen bis dahin festgefahrenen Lebensrhythmus, umzustellen. Auch mein all zu oft angewandtes Verhalten, unerledigte Dinge zu verdrängen, oder das unverarbeitete Aufsichberuhenlassen, galt es zu verändern.

So habe ich zum Beispiel gelernt in meiner eigenen Geschwindigkeit, einem mir zuträglichen Rhythmus zu leben, ohne Furcht vor negativer Sanktion. Das war vorher unvorstellbar, doch heute ist es unumgänglich - und durchaus lebbar! Diese Umstrukturierung, dieser Neubeginn meiner Lebenseinstellung, hat nicht ausschließlich mit meiner degenerativen Netzhauterkrankung zu tun, sondern auch mit meinem natürlichen Alterungsprozess. Mein Darauf-Einstellen erspüre ich als wohltuende Notwendigkeit!

So wie Sturmwolken sich über dem Land auftürmen, um sich in einem Unwetter zu entladen, so hat diese Erkrankung meine kleine Welt durcheinandergewirbelt. Nach ausreichender Neuorientierung, aber auch in der Trauer, fand ich Kraft, um mich neu zu definieren. Ich organisierte mein Leben um und strukturierte es zu meiner Erleichterung ins Positive.

Heute lebe ich sozusagen, in einer windzerzausten Landschaft, aber ich spüre die Sonne wieder auf meinem Gesicht!

Gern zitiere ich abschließend eine Weisheit des griechischen Philosophen Epiktet. Sie lautet: “Nicht die Dinge verwirren die Menschen, sondern die Ansichten, die sie von den Dingen haben.”

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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