Mutige Neugierde


Karin Klasen


Seit geraumer Zeit versuche ich eine Tür zu öffnen; nicht irgendeine, sondern eine ganz bestimmte. Jene, die mich gleichermaßen vor der Welt schützen wie ausschließen kann; die mich verbergen, wie auch den Blicken Außenstehender aussetzen kann. Es ist die monumentale Pforte zu meiner Gefühlswelt, die in ihrer Massivität einen fast unüberwindbaren Widerstand darstellt.

Mein Verstand rät mir, sie nicht zu öffnen. Womöglich liegt ein Ort dahinter, der das Grauen beherbergt. Schmerzliches und Verdrängtes könnten nach außen dringen und müssten verarbeitet werden. Die Gefahr verletzt zu werden scheint unabsehbar groß.

Ängstlich und unsicher hadere ich mit mir selbst, bin hin und hergerissen zwischen Verstand, Gefühl und dem Wunsch dieses mutige Wagnis einzugehen.

Dennoch habe ich eine verblüffende Entdeckung gemacht: Heimlich, still und leise ist meine mutige Neugier stetig stärker geworden. Sensationelle Bilder von Freiheit und Glück haben sich in meinem Kopf manifestiert und meinen lang gehegten Wunsch intensiviert. So hat sich eine überwältigende Hoffnung ausgebreitet, und ich fühle mich von der Möglichkeit eines Befreiungsschlages magisch angezogen. Erwartungsvoll, mit größter Achtsamkeit und dem nötigen Respekt vor dem Unbekannten, stelle ich mich der Herausforderung!

Werden die kostbaren Augenblicke überwiegen, so dass sich die Anstrengung der Überwindung gelohnt hat? Viktor Frankl, Begründer der Existenzanalyse und der Logotherapie war überzeugt, dass das Glück eine Überwindungsprämie ist. Demnach müsste ich mich bald glücklich fühlen.

Natürlich will ich keinen Schaden erdulden, und ich überlege ernsthaft was wohl die größere Misere wäre: Die wuchtige Barriere der Pforte zu überwinden, um altes Vermodertes und längst Überholtes herauszukehren oder weiterhin mit der Ungewissheit zu leben einen oder mehrere Dämonen zu beherbergen. Es ist das Streben nach Harmonie, das mein mutiges Vorhaben untermauert und mich direkt vor den urigen Koloss treten lässt.

Zwei versteinerte, verstümmelte Angstlöwen sitzen eindrucksvoll rechts und links des Einganges des Ortes der großen Bedeutung und haben ihn längst in Besitz genommen; viel zu lange, wie ich meine! Beinahe ehrfürchtig betätige ich den schweren Türklopfer, keine Reaktion.

Langsam und mit viel Bedacht drehe ich den klobigen Schlüssel im rostigen Schloss und stemme durch meinen Körpereinsatz das verklemmte Portal ein Stück weit auf - der Atem der Jahrzehnte streift mich.

Durch das einfallende Tageslicht wirkt der Ort der Abgeschiedenheit nicht wie befürchtet Angst einflößend, sondern eher verloren, übersehen; vielleicht sogar missachtet.

Ich weiß, dass die Zeit, die geprägt war durch Dominanz, Schuldgefühl und Wertlosigkeit, besonders hier nachhaltig ihre Spuren hinterlassen hat.

Ist dies das lebenslang gesuchte, durch große Anziehungskraft bestechende Paradies? Geflissentlich übersehe ich die riesige verriegelte Truhe inmitten des Raumes. Bevor ich auch noch diese öffne, genieße ich zunächst ein Gefühl von Frieden in mir, wie auch den Stolz, durch die Angst hindurchgegangen zu sein!


(Teil 2: Krisengebiet Gefühlswelt)

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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