Mut zur Freiheit


Karin Klasen


Ich kann mich nicht erinnern ob es eine Zeit in meinem jungen Leben gab, die ich hätte unbeschwert genießen können.
Ich weiß nicht mehr wann ich abgetaucht bin, um mein Leben unter Wasser zu verbringen.
Wie es mich ängstigte, dieses gierige, von mir Besitz ergreifende Element, das mir das Atmen verwehrte. War ich jemals außerhalb seiner alles umschlingenden, alles durchdringenden Arme?

Dass seine Oberfläche gleich einem gläsernen Deckel zuzufrieren begann, bemerkte ich nicht. Wie furchtbar es sich anfühlte, meiner spärlichen Möglichkeiten beraubt zu werden, dessen wurde ich allerdings schmerzlich gewahr.
Die Ahnung, es könne dort oben, weit über mir mehr geben als ich zu träumen wagte, gleichzeitig jedoch davon überzeugt zu sein, niemals dorthin gelangen zu können, schockierte und lähmte mich.
Nicht einmal die Wucht der Verzweiflung vermochte den Eispanzer, der mich von der Außenwelt trennte, zu durchbrechen. Und so schwamm ich weiter; beendete die kläglich-fruchtlosen Versuche und tauchte stattdessen ab in die Tiefe.
Hin und wieder, wenn ich weiter oben trieb, blitzten Sonnenstrahlen wie Leuchtfeuer ins Dunkel, verunsicherten mich in meiner einengenden und gnadenlos dominierenden Welt.

Doch dann - eines Tages - schlug jemand ein Loch in jenen Panzer; die Starre zerbarst und ich ergriff die helfende Hand, die mich behutsam ins Licht zog. Völlig aus meinem düsteren, gläsernen Gefängnis befreit, fühlte ich zum ersten Mal, dass mein Mut mit Freiheit belohnt wurde!

Ungläubig, ergriffen und wissbegierig lernte ich mich und meine Fähigkeiten neu zu definieren. Ich entdeckte Möglichkeiten, die mir völlig fremd waren, und erlebte eine Intensität meiner Gefühle, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Dass Menschen durch viele unterschiedliche Sprachen kommunizieren war mir natürlich bekannt; doch wie nuanciert dasselbe Wort, dieselbe Aussage gedeutet werden kann, das wusste ich nicht!
Jetzt kann ich lernen was es bedeutet sich mitzuteilen, zuzuhören und verstehen lernen - dieses wunderbare Miteinander!
Damit ist eine Freiheit verbunden, deren Ausmaß ich niemals für möglich gehalten, ja nicht einmal geahnt hatte.

Um der Dimension einer solchen Freiheit Stand halten zu können, brauche ich hin und wieder noch eine helfende Hand; so wie auch ich eines Tages eine haben werde!

Was würde mir diese unbeschreiblich herrliche Freiheit nutzen, wenn ich nicht den Mut aufbrächte, sie immer wieder neu entdecken zu wollen?

So halte ich es mit Aristoteles, der einst sagte:
“Mut ist die Mitte zwischen Feigheit und Leichtsinn.”

Mut zum Fehler, zur falschen Entscheidung, sowie Mut zur Gelassenheit, ich werde ihn finden!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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