Monolog


Karin Klasen


Ich bin keine auf Schönheit gezüchtete Pflanze - und doch gibt es mich! Den Sinn meines Lebens erkenne ich darin es wertvoll zu befinden, und darüber bin ich glücklich.

Ich komme wie du, unerreichbar Schöne, aus dem Schoß der Erde und möchte nichts anderes als wachsen und mein Leben genießen. Als vollendet bezeichnet man mich nicht gerade, obwohl ich auch recht hübsch bin. Du, herrliche Rose, wirst gar mit den klangvollen Namen bedeutender Menschen betitelt; bist unerreichbar wenn es darum geht, verschwenderischen Duft zu verströmen. Ich hingegen, obwohl eines der wertvollen Heilkräuter, werde von den meisten als Tunichtgut und unwichtig missachtet. Ich glaube nicht, dass ich so einfach austauschbar bin. Wenn mich die Menschen schon nicht wertschätzen, könnten sie mir doch zumindest meinen Platz auf dieser Welt einräumen. Sähen sie mich mit ihren Herzen, strömte Liebe zu mir, nicht Argwohn und Ablehnung.

Regen, Wind und Sonne liebkosen dich wie mich. Mutter Natur ernährt mich ohne Widerstreben, und Insekten tummeln sich in meinen knallgelben Blüten, da ich ihnen bereitwillig Nektar zur Verfügung stelle.

Wie du trage auch ich einen Teil der Energie dieser Welt in mir. Ob es wohl irgendwo einen Gartenbereich gibt, in dem ich willkommen wäre? Einen, der sich längst emanzipiert hat; einen, in dem so manches Grün eine dominante Dimension erreicht hätte und ich stünde mittendrin? Wie gern reihte ich mich ins Gefüge der Pflanzengesellschaften ein! Als naturbelassene, robuste Sorte bin ich selbst mit kargem Boden zufrieden. Pflege benötige ich nicht. Ich lebe auch im riesigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Wer vermag zu beurteilen welche Pflanze nun wertvoll ist und ein Recht auf Leben hat, und welche nicht?

Bin ich ungeliebt, weil ich nicht ebenso perfekt bin wie du Unvergleichliche? Hat nicht alles Leben einen Sinn? Mich und meinesgleichen argwöhnisch zu betrachten nenne ich schlichtweg Vergeudung, sind wir doch kostenlose Gaben der Natur!

Außerdem sind wir leuchtende Löwenzähne hart im Nehmen. Spielerisch wachsen einige meiner Verwandten aus Mauerritzen. Manche drücken sich gar aus dem Asphalt, und geben auf diese Weise etwas von ihrer Schönheit ab. Wie schroff und abweisend sähe es aus, wenn unsereins nicht für kräftige Farbtupfer sorgte? In blumengeschmückten Parks, gepflegten Uferpromenaden, und leider auch in vielen Gärten, haben wir Überlebenskünstler jedoch, angeblich, nichts verloren.

In einem Meer von Leben - und doch am Existenzminimum, weil grobe Hände nach uns greifen.

Der Eingriff in die Natur ist hier offenkundig; von wegen “im Einklang” mit ihr. Kein einziges so genanntes Unkräutchen hat das Recht sich in solchen Anlagen zu tummeln; dort ist ausschließlich perfektes Leben erlaubt! Dabei fänden wir Anpassungsfähigen durch unverfälschte Lebensfreude, ganz ohne Schwierigkeit, selbst bei erschwerten Lebensbedingungen immer wieder neue Standortmöglichkeiten.

Findest du nicht, dass Artenreichtum, und damit auch das Anderssein, belebt und zugleich Aufforderungscharakter hat? Privilegiert scheinen nur die Schönen und Perfekten zu sein. Das gleiche Recht für alle ist eine Herausforderung, die es zu erfüllen gilt.

Ich wünsche mir dieselbe Beachtung, die auch du genießen darfst. Wenn alles Leben sich als eine Symbiose verstehen würde, könnte das scheinbar unlösbare Unterfangen gelingen!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


zurück zur Seite Karin Klasen
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Monolog

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de