Krisengebiet Gefühlswelt

(Teil 2 von Mutige Neugierde)


Karin Klasen


Ich möchte endlich Ruhe finden! Eine Ruhe, die wie eine wärmende Sonne tief in meiner Seelenlandschaft zu Hause ist. Eine, in der ich mich sicher und geborgen fühlen kann. Obwohl meine zu Knoten verschlungenen Gedanken ganz woanders sind, erledige ich mechanisch meine Haus- und Gartenarbeit. Doch in der Metropole der Ungewissheit will ich nicht länger verharren - ich will mehr! Will kein geborgtes, sondern mein eigenes, tief empfundenes Glücksgefühl erleben. Die scheinbar fürsorgliche Verdrängung ist durch Mut und Zuversicht abgelöst worden. Wie eine Bastion will ich sein; von außen uneinnehmbar, mit starken, lediglich von innen zu öffnenden Toren ausgestattet. Bis heute ist es mir nicht gelungen meine innere Barriere zu überwinden, um die verschlossene Truhe “Hinter der Tür”, die mein nächstes Etappenziel sein wird, zu öffnen.

In meiner schockierend aufgewühlten Gefühlswelt hat sich eine nicht mehr zu unterdrückende Sehnsucht nach dem Glück ausgebreitet, so dass die beklemmende Enge in mir unerträglich geworden ist. Die Angst, die wie züngelnde Flammen in mir gezuckt hat, konnte zu einem großen Teil gelöscht werden. Zitternd vor Erwartung erlebe ich mich nicht mehr als willenloses Wesen. Der bittere Geschmack der Angst und des Schmerzes, dieser ewig hungrigen Wölfe, liegt auf der Lauer und wartet; doch ich werde eine wehrhafte Beute, oder noch besser, werde keine Beute mehr sein! In Zukunft werden sie sich hungrig schlafen legen müssen. Heute - jetzt - will ich das Unmögliche wahr werden lassen!
Setzt nicht Freiheit auch Verantwortung voraus?

Atemlos entriegele ich das rostige Schloss, öffne den schweren Deckel und begebe mich vertrauensvoll auf eine Expedition in die Welt meiner verdrängten Gefühle. Ein Wunder, dass sie überhaupt zu schließen war, so vollgepackt ist sie mit den Relikten meiner Vergangenheit.

Ich finde erfüllbare und unerfüllbare Wünsche; die Sehnsucht nicht erblinden zu müssen, wie auch die Hoffnung, dass sie sich erfüllen möge. Etliche, längst überholte Verhaltensmuster nehmen viel zu viel Raum in diesem gefühlsmäßigen Ödland ein. Ein ganzer Stapel schöner wie schmerzlicher Erinnerungen hat sich ebenfalls angehäuft. Viele beklemmende Erfahrungen, besonders jedoch jene, die unrealistische wie realistische Ängste hervorgerufen haben, verstecken sich hier vor der Welt. Zweifel und Unsicherheit kauern in zitternder Erwartung in einer, die Trauer um Verlorenes und Bevorstehendes in der nächsten Ecke. Den Löwenanteil des Platzes nimmt, ich gebe es zu, mein übermächtiges Misstrauen ein. Dem entgegen, kaum dass es zu finden ist, steht das verwahrloste Überbleibsel meines Vertrauenkönnens. Ein erbitterter Konflikt, dessen Ausgang leicht erkennbar ist.

Deshalb werde ich zwischen einem gesunden Misstrauen und meinem infernalen Argwohn eine Passage suchen. Wellen seelischen Schmerzes überrollen mich und demonstrieren ihre Macht durch körperliche Pein. Doch ich bleibe stark in meinem Wunsch; halte aus und suche weiter, schließlich will ich endlich aus diesem Gefühlsschlamassel herauskommen. Will ankommen in einer Ruhe, die süchtig macht und die ich noch immer nicht gefunden habe, nach der ich mich jedoch inständig sehne. Die gespenstisch-intensive Überzeugung mir selbst nicht vertrauen zu können, zieht mir fast den Boden unter den Füßen weg; entwurzelt mich und drängt mich in die Defensive. Viel lieber möchte ich einem Gefühl von Wertigkeit vertrauen, ja, mich in ihm verlieren.

Ich komme nicht umhin einen Friedenspakt zu erarbeiten und ihn anschließend im Schmelztiegel meinen überalteten Unvermögen anzubieten. Ich denke, dass meine eigene Wertigkeit mein überdimensioniertes Misstrauen relativieren könnte. Wenn ich mich in meiner Befindlichkeit wertig also wertvoll fühle, muss ich nicht ständig argwöhnisch das Tun oder Nichttun der anderen kontrollieren. Indem ich zu mir selbst Zutrauen habe, bin ich nicht ausschließlich auf deren Wohlwollen angewiesen.

Das Ganze ist aber nicht so einfach, da ich fürchte dass mein Vertrauen wieder missbraucht wird. Ich habe Angst mich auszuliefern; einem anderen Menschen auf diese Weise Macht über mich zu geben, wurde ich doch schon viel zu oft ausgenutzt. Ein Teufelskreis, denn wenn ich vertrauen möchte, muss ich mich öffnen können! Dabei fürchte ich mehr zu verlieren als zu gewinnen. Außerdem riskiere ich es verletzt zu werden. Diesbezügliche negative Erfahrungen von denen mache eine Schlüsselposition einnehmen, warnen mich gellend - es pfeift in meinen Ohren - und doch will ich es wissen! Will herausfinden ob und wie weit ich jemand anderem trauen kann und ihm in so mancher Situation, die ich auf Grund meiner fortschreitenden Erblindung nicht ausreichend imstande bin zu überblicken, die Führung überlassen kann. Sofort kontert meine Angst vor Fremdbestimmung! Wo ist meine Selbstbestimmung? Es gilt also diese beiden starken Gefühle zu harmonisieren; dann wäre die befürchtete Fremdbestimmung ihrer Macht enthoben.

Ich will mich nicht selbst belügen, indem ich mir vorgaukle, dass es durch meine, mich im Stich lassenden Augen nicht bedeutend schwieriger geworden ist, die Kontrolle über das was um mich herum geschieht zu behalten. Sicher, meine anderen Sinne sind durch intensivere Inanspruchnahme im Wahrnehmen geübter geworden, können aber, besonders wenn schnelle Handlungsabfolgen erforderlich sind, meine kaum noch vorhandenen visuellen Möglichkeiten nicht ersetzen.

Soeben begreife ich, dass ich auch als erblindeter Mensch Handlungsmöglichkeiten habe. Die mögen zwar dementsprechend eingeschränkt sein, stehen mir aber zur freien Verfügung. Das ist eine sensationelle Entdeckung! Ich bin also nicht so ausgeliefert wie ich dachte; ich kann meinen Mund aufmachen um Hilfe zu erbitten und ebenso um STOPP zu sagen; eine ganz neue und zugleich wunderbare Werte-Erfahrung. Selbstbestimmung nicht Fremdbestimmung soll ab heute mein Leben dominieren! Dann wird sich ein weiterer Wert definieren und die Regie übernehmen: mein Eigenwert - ein absolutes Superlativ! Dieses Erkennen bereichert mein Leben ungemein, bietet es mir doch viele Möglichkeiten und lässt mich Wege finden sie in Taten umzusetzen.

Ich habe die Grenzen hin zum Positiven verschieben können. Habe das irre Duell der Vorherrschaft des Misstrauens zu steuern gelernt. Labyrinthartig verschlungene Gedankengänge, die mich in die Irre führten, konnte ich ausleuchten, damit ich in Zukunft nicht mehr in die falsche Richtung lebe; eine beispiellose Karriere! Natürlich werden die Tentakel der Unsicherheit und des übergroßen Misstrauens meine Seele auch in Zukunft zu erreichen suchen, aber ich werde gewappnet sein!

Heute ist ein ganz besonderer Tag; heute haben meine Gedanken und Gefühle Flügel bekommen!

Was aber mache ich mit all den vielen veralteten und oft schädlichen Relikten aus meiner Vergangenheit?

Ich wähle aus was ich behalten möchte. Einige meiner Erfahrungen, auch wenn sie bitter waren, entrümpele ich nicht, denn dann hätte ich sie umsonst gemacht. Doch der giftige Sondermüll der mich depressiv und dadurch handlungsunfähig gemacht hat, werfe ich über Bord; ebenso die zu nichts taugenden Schuldgefühle. Die schönen, fast verblassten Erinnerungen hingegen, werde ich liebevoll aufpolieren wie altertümliche Kleinode, indem ich sie mir immer wieder ins Gedächtnis rufe, darüber spreche oder gar schreibe.

Tatsächlich habe ich viel Belastendes aus dem Ozean meiner Gefühle in die Nebel des Vergessens gleiten lassen. Dabei habe ich geistige Schätze finden können, die unter meinem Seelenmüll verschüttet waren. Auf meiner Odyssee in die Freiheit der Ruhe erlebe ich diesen Tag als einen wie er herrlicher nicht sein könnte. Ich habe mich von meiner inneren Aufruhr lösen können; eine Sensation, die mit Worten nicht zu beschreiben ist! Erschöpft aber glücklich lehne ich mich zurück und spüre den Frieden in mir!

In Zukunft wird eine offene, aufgeräumte Truhe mitten in meinem Wohnzimmer stehen.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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