Kraftquellen


Karin Klasen


Tage am Moor; am niedersächsischen Ochsenmoor. Diese einzigartige Mischung aus Land, Wasser, Himmel und Wind hat es mir angetan. Wie ich ihn liebe, diesen endlosen Landstrich und seine grenzenlose Weite. Kein Hindernis bremst meine Blicke. Sobald die Morgennebel sich verflüchtigt haben und Sonnenstrahlen das Land abtasten, können Kräuter ihre ätherischen Düfte entfalten. Alles um mich herum badet im Sonnenlicht. Wolken tummeln sich unter blauem Himmel, und Vögel singen im Geäst eines Birkenwäldchens. Wie eine Insel liegt es inmitten der beeindruckenden Natur.

Auf einem Aussichtsturm stehend, keine Ahnung warum das so ist, kann ich mein Glücksgefühl kaum noch bändigen. Wasseraugen blinzeln mir zu und Stille umgibt mich wie ein schützender Umhang. Irgendwo schnauben Pferde; Insekten summen, und Wind scheitelt mein Haar. Ich kann es fühlen, kann spüren, dass ich eins bin mit dieser herrlichen Natur. Sie hat mich aufgenommen und in sich eingebettet. Irritiert frage ich mich, ob es so etwas überhaupt geben kann, und antworte mir selbst mit einem ‚ja‘! Lange genieße ich meine Eindrücke/das alles. Erst als ich zu frösteln beginne, begebe ich mich auf den Weg zurück in meine Pension. Ich wähle jedoch einen anderen als den, auf dem ich hierhergekommen bin, und glaube zu träumen:

Vor mir liegt, rechts und links des Weges eine stattliche Platanen-Allee, und ich Winzling schreite mitten hindurch. Das heißt, weit komme ich nicht. Mir ist, als raunten sie mir etwas zu, als mahnten sie mich inne zu halten. Staunend bleibe ich stehen, fühle die hellbraun-grün-gemusterte Borke, und lasse mich von ihren handtellergroßen sonnenhungrigen Blättern mit den drei zugespitzten Zacken berühren. Ich hebe ein paar der braunen stacheligen Fruchtkugeln auf, halte sie wie Kleinode in meiner Hand und lege die andere, einem gewölbten Deckel gleich, darüber. Ein solcher Baum kann fünfzig Meter himmelwärts streben und ein hohes Alter erreichen. Es gibt Einzelexemplare, die über dreihundert Jahre alt sind. Um diesen hier umarmen zu können, müssten zwei Erwachsene ihre Arme weit um ihn herum ausbreiten.

Doch da ist noch etwas. Etwas, das sich nur schwer in Worte einfangen lässt. Aufgewühlt lege ich meine Stirn an den kühlen Stamm, stecke die fruchtigen Findlinge behutsam in meine Jackentasche und ertaste mit beiden Händen die Borke.
- Stille -

Ich bin jetzt ganz ruhig. So, als wäre ich nach langem Marsch angekommen. Aber wo? Hier?
Ich werde traurig. Nein, denn das war ich schon. Wieso wird mir gerade hier so deutlich klar, dass ich mich nach Halt und Stärke sehne? Aber natürlich!

Wer oder was kann völlig ohne Worte alles sagen?

Für mich ist es dieser Baum, aus einer ganzen Reihe mächtiger Platanen. Er signalisiert mir wonach ich suche, vermittelt mir in all seiner Stattlichkeit wie unentbehrlich starke Wurzeln sind. Ich atme tief, und Tränen finden ihren Weg. Doch erst der kühler gewordene Wind lässt sie mich spüren; machtvoll und mahnend. Jetzt ist mir wirklich kalt, und ich ziehe mich zurück, wieder einmal mehr!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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