In nur fünfundzwanzig Minuten

- Winter -


Karin Klasen


Wieder herrscht die Jahreszeit, in der Füße fest verschnürt in warmen Schuhen, Hände in Fleece-Fäustlingen, Hälse in dicken Schals und Köpfe unter kuschligen Mützen, vor der klirrenden Kälte geschützt werden. Schon höre ich das vertraute, wenn auch störende, bei jeder Armbewegung entstehende: “Tsch, tsch, tsch” meiner dicken Winterjacke. Was soll’s, ohne diesen Geräusch-Freak geht’s auch nicht!

Heute Morgen ist der Himmel klar und unendlich weit. Nur ein schmaler Lichtschein trennt ihn von der Erde. Morgenlicht breitet sich aus und im Dunst, durch den zaghaft die ersten Sonnenstrahlen dringen, entfaltet der neue Tag seinen Zauber. Lächelnd begrüße ich den aufgehenden Sonnenball. Es ist weder zu nass, noch zu kalt, noch zu windig; also nichts wie hinaus in die einzigartige Winterwelt!

Ergiebige Schneefälle haben das Aussehen der Landschaft verändert - alle Jahre wieder. Die zarten Gebilde haben sich zu einer dichten Schneedecke zusammengeschlossen und reflektieren das Licht der Sonne. Noch steht der Feuerball in flachem Winkel zur Erde, so dass sein Gleißen mich blendet. Bäume und Sträucher, in der kalten Jahreszeit meist splitternackt, sind nun schneeverhangene, märchenhafte Gebilde. Eine spürbare Stille liegt über dem Land; scheint sich in der winterlichen Umarmung wohl zu fühlen und lässt sich durch keinen Laut stören! Ich habe gehört, dass es über sechstausend verschiedene Formen der Schneekristalle geben soll; faszinierend und vergänglich zugleich.

Über Nacht sind unvergleichliche Kunstwerke entstanden: Kleine Tannenwichtel und hohe Buchenriesen rudern mit dick verschneiten Ästen umher. Wie in einem riesigen begehbaren Kühlschrank schreite ich in der wollmützenkalten Luft durch die Winterwelt. Der Winter ist alles andere als lediglich eine dunkle Jahreszeit!

Im Wald ist es jetzt hell; Tannen und Kiefern können die Strahlen der Sonne nicht aufhalten. Das weiße Leuchten des Winters verstärkt diese Idylle. Die Wege zwischen den weiß beschneiten Baumstämmen lassen sich nur erahnen. Alles Leben im Wald läuft jetzt auf Sparflamme. Funkelnd widerspiegelnder Schnee knirscht unter meinen Schritten. Es ist ein erhabenes Gefühl, als erster durch die frisch gefallene vergängliche Pracht zu staksen. Hier, in der weißen Glitzerwelt, genieße ich die frische klare Luft und das weite Blau über mir.

Plötzlich erheben sich heftige Windböen, wirbeln Schneefahnen auf und treiben Wolkenberge vor sich her. Minuten später hüllen sich alle Baumwipfel in dichte, graue Wattebäusche. Im Nu gleiten dicke, sich umtanzende, Flocken umher. Ein dichter Schneevorhang raubt die Landschaft um mich herum, verschluckt sämtliche Formen und Geräusche, und ich stehe mitten im fallenden Weiß. Die Wolken zeigen was in ihnen steckt, unterwerfen das Land ihrer wirbelnden Macht. Noch immer drehen die Schneekristalle ihre Pirouetten, während sie durch die Lüfte tanzen und langsam zu Boden schweben. Wieder fegen eisige Winde über mich hinweg, um mich herum, und, wie mir scheint, durch mich hindurch. Auf einmal kann ich blaue Lücken im grauen Wolkenbrei entdecken. Kurze Zeit später lässt mich strahlend schönes Winterwetter daran zweifeln, ob es tatsächlich geschneit hat. Doch die scharfe Kälte schneidet mir die Haut und kriecht in meine Knochen. Ich gebe nach und mache mich auf den Weg nach Hause.

In dieser Jahreszeit, so wird mir eben bewusst, haben ganz besondere Männer Hochkonjunktur. Also zaubere ich fix einen kleinen Schneeknirps am Wegesrand; einkleiden werde ich ihn morgen.

Als ich am späten Nachmittag aus dem Fenster sehe, sind die Schatten lang, und die Dämmerung kriecht näher. Minuten später lässt ein Sonnenuntergang sein Orange durch den abendlichen Dunst schimmern.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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