In nur fünfundzwanzig Minuten

- Sommer -


Karin Klasen


Fünf Uhr morgens; ich schlage die Augen auf und spüre nichts als wohltuende Ruhe. Sekunden später ist’s um sie geschehen, denn die geflügelten Ökowecker in den Bäumen im Garten sind sich einig: Zeit zum Aufstehen! Vielkehlig stimmen sie mich ein auf den neuen Tag.

Flink erledige ich was zu tun ist und mache mich gegen Sieben Uhr auf meinen morgendlichen meditativen Spaziergang. In dieser ländlichen Idylle dominiert ein beschauliches “Sichbegegnen” mit einem lächelnden “Hallo, wie geht’s?” Kein hektisches Treiben oder Hetzen verdirbt den Start in den klaren Sommertag, über dem sich ein seidig-blauer Himmel wölbt. Gellend zerschneidet ein Düsenjäger das melodiöse Vogelkonzert und hinterlässt silbrige Kondensstreifen vor dem Blau. Unter dem satten Grün eines Eichenblätter-Baldachins steigt mir Thymian-Duft in die Nase; finden kann ich ihn jedoch nicht. Meine Schritte wühlen die staubtrockene, dürstende Erde auf. Ich bleibe stehen und halte mein Gesicht sonnenselig gen Himmel, lasse mich von wärmenden Strahlen streicheln. Helle Wolken wirbeln hoch über mir und türmen sich am Horizont zu Bergen auf. Quirlige Schmetterlinge tummeln sich sonnentrunken auf sommerbunten Wiesen. Eines der zarten Lebewesen taumelt um meinen Kopf und nimmt ungeniert auf meinem linken Arm Platz. Ich bleibe stehen, denn sein Zutrauen rührt mich. Dann beginnt es, kaum spürbar, mit seiner langen Rollzunge die winzigen salzigen Schweißtröpfchen aufzuschlecken. Immer noch stehe ich regungslos und staune.

Dunstfeuchte Gräser, vor morgendlichen Sonnenstrahlen wahre Kunstgebilde, wiegen sanft im Wind. Einige sind filigran, andere an ihrer Spitze buschig; die nächsten tragen lange, schmale Fächer; es gibt rötlich schimmernde Wedel und langstielige Halme mit länglichen Knötchen, und alle werden souverän vom goldenen Licht des frühen Morgens überflutet. Wieder bleibe ich stehen; viel zu selten nehme ich all das Schöne wahr. Jetzt im Juni trägt der Ginster am Waldrand hellgrüne Schoten; vor ein paar Wochen leuchtete er noch in kräftigem Gelb. Digitalis/Fingerhut zeigt sich in knalligem Pink. Die meisten Ebereschen haben ihr weißes Blütenkleid abgelegt und tragen stattdessen kleine grüne Beeren. Eine der Melodien des Waldes, das sanfte Rauschen der Baumkronen, begleitet mich ein Stück weit und lässt mich lächeln. In der Ferne liegen, das weiß ich von einem Kenner, inmitten der abwechslungsreichen Landschaft die Orte Anhausen und Maiborn.

In manchen Feldern verlaufen, wie doppelt unterstrichene Mathematikergebnisse, zwei parallel verlaufende Linien/Furchen; vielleicht von den Rädern des Traktors, der es im Frühjahr bearbeitete? Die Flugsamen des Ahorns hängen noch fest an ihren Ästen. Schmunzelnd erinnere ich mich daran, dass wir als Kinder das dickere Ende der kleinen Propeller aufgebrochen und uns als Flügel auf die Nasen geklebt haben. Vorbei geht es an Kirschbäumen, in denen das erste Rot der Früchte durch das Grün der Blätter lockt. Am Wegrand blühen Kamille, Margeriten und Brennesseln um die Wette. Aus den Bienenkörben, die vor wenigen Wochen hier aufgestellt wurden, kann ich noch immer kein Summen hören. Die fliegenumschwärmten Pferde auf der Koppel grasen mit weichen Mäulern fein säuberlich die besten Gräser ab. Wie immer heben sie ihre schönen schlanken Köpfe und kommen auf mich zu und so bleibe ich auch hier ein wenig stehen. Meine Heimat, und das ist bekanntlich dort, wo sich das Herz zu Hause fühlt, ist ein von Licht und Sonne verwöhntes Land; eine Oase für Mensch und Tier. Das Weizenfeld zu meiner Linken schimmert an diesem Morgen silbrig, denn das taufeuchte Grün folgt der Schwerkraft und neigt sich weit nach außen. Sanft weht der Sommerwind darüber, lässt es tanzen und trocknen, damit es sich wieder aufrichten kann.

Ich kann mich nicht satt sehen, trete jedoch den Rückweg an; es ist gerade mal 7:45 Uhr, und schon heiß in diesen Tagen!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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