In nur fünfundzwanzig Minuten

- Herbst -


Karin Klasen


Ich habe das Glück in der grünen Lunge des Westerwaldes zu leben. Mein Wohnort, in dem ich mich seit zwanzig Jahren zu Hause fühle, wirkt in einer Talmulde wie in die Landschaft gegossen. Jetzt, im September liebkosen erst um 8:00 Uhr die ersten Sonnenstrahlen die Erde. Welcher Tag ist heute; egal, Hauptsache hinaus in die herrliche frische Luft!

In einer nur fünfundzwanzigminütigen Runde um den Ort kann ich die Schönheit der Natur erleben. Wenige Meter führen mich an der Straße entlang direkt an den Wald, vor dem ich rechts abbiege, schließlich möchte ich lediglich ein paar Minuten gehen; und schon beginnt mein Durchatmen! Der Weg führt mich durch eine Bilderbuchlandschaft. Vorbei an einer alten hölzernen Sitzbank, von der aus man vor vielen Jahren einen freien Blick auf das abwechslungsreiche Land gehabt hat. Die gurrenden Rufe der Tauben begleiten mich. Tautropfen glitzern auf den Blättern der Büsche, Bäume und den Wiesen, über die sich die hügeligen Straßen gemähten Grases ziehen. Trotz des kühlen Ostwindes genieße ich die warmen Strahlen der Sonne. Die durch die heftigen Stürme der letzten Jahre abgebrochenen und zersplitterten Stümpfe vieler Bäume dienen den Rotmilanen und Bussarden als Ansitz. In diesem Windbruchareal haben sich mittlerweile mannshohe Birken, die Pioniere solcher Orte, und allerlei Buschwerk einen Platz erobert; keck recken sie ihre Äste der Sonne entgegen. Geheimnisvolle Pfade, gleich neben dem Weg lassen mich ahnen, dass viele Wildtiere wie Füchse, Marder und vielleicht sogar Waschbären hier ihre Reviere beanspruchen.

Wie Federn treiben weiße Wolkenfetzen unter dem strahlend blauen Himmel; unvermeidlich, dass ich stehenbleibe und staune - wie so oft! Um mich herum schwirren schon die ersten summenden und brummenden Gäste. Einige Büsche zeigen schon rote Spitzen, dagegen hat sich der Farn für Gelb entschieden; und die Brennnesseln sehen mit ihren zur Erde gewölbten bräunlichen Blättern ein wenig lumpig aus. Dunkel verfärbte und prall gefüllte Samenschoten des Ginsters sind aufgebrochen und warten darauf, dass ihr wertvoller Inhalt von einem Windstoß davongetragen wird. Birkenblätter wedeln wie goldene Taler an ihren Ästen. Ihr Rauschen hört sich im Herbstwind anders an als im Frühjahr; heller und intensiver, scheint mir. Hier und da lugen Brombeeren durch die Büsche, und längst hängen Hagebutten statt Blüten an den Sträuchern.

Wiesen und Felder erstrecken sich bis zum hügeligen Horizont, der sich geheimnisvoll aus dem morgendlichen Dunst schält, und die Strahlen der Sonne verschmelzen mit dem Wald, den Feldern, den Wiesen und mit mir! Hier in der Natur fühle ich mich gut und geborgen.

Die Früchte der Eichen, vor ein paar Tagen noch grün, haben ihre Farbe gewechselt und sitzen nun braun in ihrer Verankerung. Ihr Aussehen erinnert mich an übervoll gefüllte Pfeifen, und ich stelle mir lächelnd vor, wie einer der laut krächzenden Rabenvögel schmauchend auf seinem Ast hockend sein Eichenpfeifchen genießt. Ach, ist das schön!

Auf meiner linken Seite blitzen die Strahlen der noch niedrig stehenden Sonne durch die hohen Stämme eines anderen Waldstückes. Wie ein himmlischer Scheinwerfer strahlt sie, so, als blinzelte sie mir zu. Dort, wo die hölzernen Waldbewohner dicht an dicht stehen, kann ich dennoch ein goldenes Leuchten erkennen. Ich liebe diesen vertrauten Anblick. Mitten im dichten Grün leuchten an verschiedenen Stellen die feuerroten Beeren der Ebereschen; die stimmungsvolle Zeit des Herbstes hat eindeutig begonnen! Zu meiner Linken steht der Mais hoch im Feld. Er überragt mich beträchtlich und seine prallen Fruchtstände tragen schon dunkle Spitzen. Als Kinder haben wir auf diese Zeit gewartet, um uns mit den goldgelben Früchten die ewig hungrigen Bäuche zu füllen. Genüsslich haben wir zusammen gesessen und gemampft so viel uns nur möglich war. Wir haben genau gewusst, wenn wir erwischt würden, wäre die ganze Gaudi dahin. Das ist nun ein halbes Jahrhundert her, und noch immer muss ich lächeln, sobald ich an einem reifen Maisfeld vorbeikomme.

Wieder in der vollen Sonne, winken mir im Herbstwind die geschwungenen, langbärtigen Äste einiger Tannen entgegen. Auf einer Koppel stehen zwei Pferde. In der kühlen Luft kann ich ihren Atem als Dampffahne erkennen. Langsam kommen sie zu mir herüber und recken ihre Hälse über den Zaun. Gern gäbe ich ihnen ein Zuckerstückchen, doch ich wage es nicht, da ich nicht weiß ob ihnen meine lieb gemeinte Geste schadet oder nicht. Unter dem stattlichen Nussbaum finde ich auch heute keine Nuss; irgendjemand ist einfach früher als ich. Dafür trage ich diese schönen Erlebnisse heim und bringe sie zu Papier.

Schon biege ich vor einem herbstlich leuchtenden Kastanienbaum, eine in Orange, Rot und Gelb züngelnde Fackel, rechts ab und bin nach kurzer Zeit wieder zu Hause - für heute!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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