In nur fünfundzwanzig Minuten

Frühlingstreiben


Karin Klasen


Endlich hat der Himmel hat ein Einsehen und zeigt sich in strahlendem Blau. Über Nacht ist der Frühling einzogen und lockt mit warmem Wetter und klarer Sicht. Jetzt, Ende März, gewinnt die Sonne zunehmend an Kraft. Einzigartige Grüntöne, sehnsüchtig erwartet, setzen Farbklekse in junge Bäume und allerlei Gesträuch. Wie viele Tonnen an frischem Blattwerk müssen wohl in jedem neuen Jahr neu gebildet werden? Nun wird die Natur wieder ihre Farbenvielfalt demonstrieren! Wie jede Jahreszeit ist auch das Frühjahr geprägt von ständiger Veränderung und Anpassung: Die ersten Mandelbäume blühen, und es duftet unverkennbar nach Frühling. Letzte Birkenpollen rieseln zu Boden, Weidekätzchen blühen und bieten den Pionieren der Bienen ihren Nektar an. Eifrig werden Nester gebaut; es wird umworben, geschäkert, tiriliert und Hochzeiten abgehalten. Unermüdlich wird noch fehlende Bausubstanz, wie kleine Ästchen und Gras, herbeigeschafft, damit neues Leben Raum erhält und sich ausbreiten kann. Diese überbordende Lebensfreude lässt mich jubeln. Igel, kleine stachelige Räuber, futtern sich nach ihrem Winterschlaf dick und rund und werden uns schon bald ihren Nachwuchs präsentieren. Überall, selbst in den kleinsten Nischen grünt und blüht es. Da der Winter mild war, blühen auf den Wiesen schon die Kirschbäume und zaubern ein weißes Blütenmeer. Allerlei summendes Getier stürzt sich in die geöffneten Kelche und wälzt sich genießerisch in ihren Pollenbetten. Sonnenbeschienene frische Grashalme quetschen sich durch braun-graue Büschel am Wegrand und glänzen im Morgenlicht. Zartlila wiegt sich Wiesenschaumkraut im wechselnden Spiel der Sonnenstrahlen. Unzählige Löwenzähne und leuchtende Ginsterblüten plädieren dafür, dass Gelb die dominante Farbe ist. Nur die hohen Buchen und Akazien halten ihr Grün noch zurück und stehen splitternackt im Wald. Weiden und Lärchen dagegen haben längst aufgerüstet, und auch die Tannen demonstrieren ihre frischen hellgrünen Spitzen. Auf den Äckern sprießt die Saat zwischen dichten Grasbüscheln. Kein Ende scheinen die blühenden Rapsfelder zu nehmen; sie erstrecken sich bis zum Horizont und, mit Verlaub, sie stinken! Dennoch ist es ein einzigartiges Bild. Der kleine Bach an der Pferdekoppel schießt und wirbelt in seinem Bett und entzieht sich dann meinen Blicken. Einige Minuten später passiere ich meinen Kastanienwegweiser an der Ecke in unsere Straße. Er ist noch ein halber Nackedei, doch ich weiß genau, wie stattlich er bald sein wird. Die leuchtenden Farbenspiele in den Straßenbeeten und Gärten beeindrucken mich. Auch in unserem Garten blüht es; Weiß, Lila und verschiedene Pink-Töne dominieren flächendeckend. Der Duft ist überwältigend; unverkennbar Frühlingshaft! Später, das nehme ich mir vor, werde ich mein erstes Sonnenbad nehmen.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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