Im Rhythmus des Sturms


Karin Klasen


Heute Morgen tanzen alle Bäume dieser Gegend Cha-Cha-Cha. Rhythmisch bewegen sich ihre Äste und Kronen im Takt des Sturmes. Gestern noch waren ihre Bewegungen ruhig; schienen mir beinahe gedankenverloren in der lauen Luft zu schwelgen. Tänzerisch formuliert war das eher der Rhythmus einer Rumba. Jetzt allerdings, unter des Windes Latein-amerikanischen Klängen, findet sich kein Ast, kein einziges Blatt, das nicht in Bewegung ist.

Zweige knarren unter seiner heftig-stürmischen Führung, und die mächtigen Häupter der grünen Riesen werden vom Sturm mitreißend in Schwung versetzt.

Und ich stehe mitten im Rhythmus der Natur!

Vogelgezwitscher kann ich nicht mehr vernehmen, zu laut ertönt das stürmische Gebrüll dieses mächtigen Tanzpartners. Dies ist eines der Naturschauspiele, die mich gekonnt mit dem Stress des Alltags versöhnen können. Staunend und zugleich fasziniert schaue ich diesem Treiben zu. Gern säße ich inmitten einer der stattlichen Baumkronen und überließe mich einfach der Macht des Rhythmus. Stattdessen bleibe ich vernünftig auf dem Waldboden stehen und breite meine Arme waagerrecht aus, so, als wolle auch ich von Partner Sturm zum Tanzen verführt werden.

Meine Mütze hat er mir schon sanft aber bestimmt von meinem Kopf gepustet, so dass meine Haare sich schon tänzerisch anpassen konnten.

Selbst hier im Wald weht der Wind so stark durch die Bäume, dass viele der vertrockneten Blätter vom letzten Herbst, durch seine Kraft mühelos hoch gewirbelt werden. Heftig umtanzen sie meine Beine. Immer wieder kann ich durch die, sich im Takt hin und her wiegenden Baumkronen ein Stück Himmel sehen. Einmal zeigt er sich blau und wenige Minuten später in dunklem Grau. Zwar werden die vielen Wolken nicht rhythmisch, dafür aber rasend schnell über das ganze Land gejagt.

Mitunter lassen kurz erscheinende Sonnenstrahlen den Himmel in einem beängstigend dunklen Grau-Blau erscheinen, und das saftige Grün der Bäume steht in einem beinahe unwirklich wirkenden Licht.

Und doch ist es herrlich, hier inmitten der Natur zu stehen. Dabei sein zu dürfen, wenn ein Sturm solche Rhythmen inszeniert! Mein Herz weitet sich, als ich bemerke, dass all meine verbrauchten Gedanken so zu sagen aus meinem Kopf gejagt werden. Die Luft, wenn auch stürmisch, ist angenehm klar und kühl.

Endlich gelingt es dem Sturm die letzten Wolkenfetzen vom Himmel zu fegen. So kehrt langsam wieder Ruhe in das Spektakel ein. Als ob sie vom heftigen Rhythmus ermüdet seien, wiegen sich jetzt alle Kronen der mächtigen, grünen Riesen sanft in einer leichten Brise, und eine Fontäne des sonnigen Lichts durchströmt den Wald.

Genau so lange, bis der Sturm erneut einen schnelleren Takt angibt.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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