Gegenwind


Karin Klasen


In diesen Zeilen versuche ich nicht etwas, sondern - vertraut und rätselhaft zugleich - mich selbst auszudrücken. Ich möchte die Diskrepanz zwischen meiner Wirklichkeit und meinem anerzogenen Idealbild zu überbrücken suchen. Behutsamer und achtsamer will ich zukünftig mit mir umgehen, damit eine tiefreichende Aussöhnung möglich werden kann.

Libellengleich schwirre ich durch meine Zeit, und remple Gegenstände an, die dann in Folge zu Bruch gehen. Auch in mir scheppert es gewaltig, finden Turbulenzen statt, die schmerzen. Wieder war ich zu schnell, zu fordernd, unterwegs. “Ein Spaziergang wird mir gut tun”, denke ich, und schon bin ich draußen. Noch während ich mich zu beruhigen versuche, überlege ich, was später alles erledigt werden muss - und beschleunige meine Schritte. Dann fällt es mir auf: Ich beeile mich sogar bei dem Versuch zur Ruhe zu kommen. Wie verrückt und zugleich traurig ist das denn? Ich bleibe stehen ohne zu wissen warum, aber es fühlt sich richtig an. Dann steuere ich zu der Bank, auf der ich noch nie gesessen und ausgeruht habe.

Obwohl sie mir gut tut, schreit die ungewohnte Stille auf. Ich muss es unbedingt lernen, das Ausruhen! Hatte ich nicht gelesen, dass man in stillen Momenten Kraft finden kann?

Wie auf einem Gemälde ziehen lange, weiße Wolkenstreifen unter seidig-blauem Himmel - waren die vorhin auch schon da? Während Tannen ihr Lied rauschen, schmeichelt mir der warme Wind. Komisch, ist mir eben auch nicht aufgefallen. Und auch nicht der blütenüberladene Ginster am Weg. Ich fühle mich, als hätte ich gleichzeitig Heimweh und Fernweh, und beide zerrten mit gleicher Intensität an mir. Ja, ich will festhalten an meiner gewohnten Schnelligkeit, und doch zu neuen Ufern, neuen Möglichkeiten, aufbrechen! Ein unwirkliches Empfinden. Mir scheint, es ist nichts so, wie es noch vor einer Stunde war. Dann bricht es, einem Vulkan gleich, aus mir heraus; schön und erschreckend zugleich: Die alltägliche Ruhelosigkeit, das Getriebensein durchs vernichtende Gebläse “Stress”.
“Habe ich meine Zukunft schon hinter mir?”, schießt es mir durch den Kopf. Meine Gedanken reiten mit dem Wind! Zur Besinnung, ich muss zur Besinnung kommen!
Doch was ist, wenn ich im Terror der Ereignislosigkeit versumpfe? In cerebraler Unbeweglichkeit verharre? Widersprüchliche Gefühle fluten mich. In mir tobt der Kampf der Zeit. Zwei Welten prallen aufeinander: Das “bis” und das “ab” Heute.

Nie in meinem Leben war ich “nicht schnell”. Äußere Umstände und krakengleiche Maßnahmen haben im Laufe der Jahrzehnte diese Eigenschaft genährt und verstärkt. Und? Was mache ich heute mit meiner übertriebenen Eile? Mich fragen, ob und wann ich sie, der jeweiligen Situation angemessen, einsetze - aber dazu brauche ich - Ruhe.

Längst hat die Hirnforschung herausgefunden, dass durch Stress die Funktionen vieler Areale im Gehirn herabgesetzt oder gar ausgeschaltet werden; die höchsten Aktivitäten hingegen, während der Entspannung zu verzeichnen sind. Ist es nicht endlich an der Zeit, dieses Wissen zu integrieren? Wenn mein Wünschen wahr würde, wäre ich um unendlich viele Handlungsmöglichkeiten reicher.

Hier auf der Bank hat mir die Ruhe eindrucksvoll demonstriert, dass mein selbst auferlegtes, generell zu hohes Tempo, die Wurzel meiner Unzufriedenheit ist! Könnte ich langsamer sein, würde ich Begebenheiten bemerken, die mir in gehetztem Zustand nicht bewusst würden.
Die erschreckende Leere, die schwer auf mir lastet, würde einem Erkennen weichen. So wie eben, als ich inne hielt, ohne zu wissen, warum.

Mein neues Vorhaben ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber nicht widersprüchlich: Ich will mit Elan langsamer werden!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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