Frau der Ringe


Karin Klasen


Ich will nicht mehr mechanisch-freundlich nicken.
Will nicht gekünstelt-verlogen und verbogen lächeln.
Will weder abwertend denken, noch fühlen!
Was will ich stattdessen?
Mir und meinen Gefühlen treu sein, schießt es mir durch den Kopf. Klingt abgedroschen, irgendwie abgenutzt.
Und doch wünsche ich mir nichts sehnlicher als das. All mein Wünschen scheint im Selbst-wirksam-Sein seine wahre Bedeutung, seine Wurzeln zu haben.

Früher wurde ich von einigen Menschen in die Enge getrieben und missbraucht, damit sie sich selbst besser fühlten. Nicht zu zählen sind die Verletzungen, die sich wie Perlen an einer Schnur aneinanderreihten. Später übernahm ich dieses Handlungsmuster, indem ich meine Wünsche und Gefühle missachtete, sie nicht wertschätzte, denn ich hatte nie gelernt, achtsam mit mir umzugehen! So weit - so schlecht!

Doch muss ich solche Zustände auch heute noch aushalten? Um was zu erreichen?
Ich will nicht mehr erdulden und ertragen müssen, sondern herausfinden, was mir gut tut!
Ich will zustimmend nicken, wenn es sich für mich richtig anfühlt es zu tun.
Will übers ganze Gesicht lächeln, wenn mir danach zumute ist, nicht bloß eines aufsetzen wie hineinimplantiert.
Ich will ohne Angst fühlen dürfen; will spüren wie es ist, hemmungslos bei mir selbst zu sein!
Will mich aktiv adäquat entscheiden können. Ein größeres Geschenk kann es nicht geben! Nicht vorstellbar, wie energiereich ich sein könnte! Schon bei dieser Vorstellung wird mir schwindlig.

Achtsam werde ich herausfinden, was sich gut und richtig anfühlt. Ich werde erspüren wann und bei welchen Menschen ich zufrieden bin.

Ähnlich wie die sich, im Wasser bildenden Ringe, wenn man einen Stein hineinwirft, so gibt es auch in meinem Leben Kreise um mich herum.
In der Psychotherapie habe ich gelernt, mich selbst in der Mitte dieser Ringe, also meines Lebenskreises, zu sehen. Im Kreis meines direkten Umfeldes stehen nur wenige, mir emotional sehr nahe stehende Menschen. Im Folgenden, weiter außen, ebenso wie in denen, die noch weiter von mir entfernt sind, stehen diejenigen Menschen, die mich schon verletzt haben, mir also nicht so nahe stehen.
Mit diesem einfachen Bild mache ich mir immer wieder einmal bewusst, dass nicht alle die es versuchen, mich auch erreichen können. Es gibt Grenzen, die sie aufhalten. Doch weder Menschen, noch Standorte sind für immer und ewig festgelegt, denn ich kann sie in meiner Welt zu jeder Zeit verändern!

So erlebe ich Selbstwirksamkeit; der Schlüssel in meine Mitte!
Mechanisches Bejahen, verbogene Lächeln sind überflüssig; und Machtgerangel habe ich, so möchte ich mit einem Augenzwinkern hinzufügen, als “Frau der Ringe” schon gar nicht nötig!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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