Erwachen


Karin Klasen


Zunehmend erhebt sich Sturm in meinen Erinnerungen.

Du hast mich hergenommen, Sturm, bist durch mein Innerstes gefegt, ohne mich zu fragen! Hast einfach nur dein Ding gemacht, ohne mich zu respektieren. Wandtest keine Achtsamkeit an, um zu ergründen, ob ich dich derart aufbrausend aushalten kann. Was soll ich davon halten? Bist mir zu grob, zu eigensinnig und zu egoistisch geworden.

Früher war das anders, da achtetest du auf mich und auf mein Wohlergehen. Was ist mit dir geschehen, dass du dich derart gebärdest? Was hat dich so wütend werden lassen? Ich kann dein Tun nur schwer aushalten. So sehr ich mich bemühe, kann ich deiner unsichtbaren Wucht kaum standhalten.

Warum nur zerzaust du ungestüm mein Innerstes? Achtest nicht darauf, dass ich schon so viel verlor. Nun auch noch dich, mein Freund aus Kindertagen.
Press mich nicht mit Gewalt gegen die Wand, denn sie ist rau und schmerzt.

Unnachgiebig forderst du mehr als ich zu geben vermag; und doch versuche ich es; dabei vergesse ich mich vollkommen.

Sei wieder gut zu mir, Sturm. Streichle auf gewohnte Weise sanft durch mein Leben, so wie früher. Besinne dich darauf, wie gut du dich dabei fühltest. Vergiss nicht, ich bin noch die Gleiche wie damals, als du, sorgsam auf mein Wohlergehen bedacht, mich beschenktest mit deinen behutsamen Gaben. Mir scheint, du bist von Hass erfüllt, dass du dich so gewaltig gebärdest.

Was ist mit dir? Wohin bist du so plötzlich entschwunden?
Unheimliche, oberflächliche Stille um mich herum. Was soll ich davon halten? Hast mich mit einem Mal allein gelassen, mich wieder nicht gefragt. Ist Fragen denn so schwer? Du hast mit deinem stürmischen Leben für diese Stille bezahlt, und ich bin hier und warte auf ein Zeichen von dir.

Ich hätte dir meine Fragen viel früher stellen sollen.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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