Erinnerungen an eine außergewöhnliche Frau


Karin Klasen


In der Abgeschiedenheit meiner Erinnerungen tasten meine Gedanken behutsam und voll Respekt, doch leider nur lückenhaft, das Leben einer außergewöhnlichen Frau, meiner Großmutter, ab. Aufgerüttelt durch eine der alten Fotografien, auf der sie stehend abgelichtet ist, gehen meine Gedanken viele Jahrzehnte zurück.

Was wird die damals Zwanzigjährige in ihrer legendären Bescheidenheit gedacht haben, als sie rank und schlank an einer Lesesäule stehend im Atelier eines Fotografen stand? Ihren schimmernden Verlobungsring hält sie stolz ins Blitzlicht, denn der scheinbar lässig aufgestützte linke Ellbogen erlaubt ihr, einige Finger der Hand zaghaft an die Wange zu legen. Ihre Rechte ruht dabei vornehm auf dem aufgeschlagenen Buch vor ihr.
Wie schön sie war!

Aus ihrem spärlich gefüllten Kleiderschrank, so erfuhr ich kürzlich, fand sie schnell die passende Garderobe; die schwarz bestrumpften Beine stecken in ebenso schwarzen klobigen Schnürschuhen. Über dem grauen, bis über die Waden reichenden Plisseerock trägt sie ihre Sonntagsbluse, deren lange Fransen am Ende der Ärmel ihre Unterarme umschmeicheln. Auffällig ist jedoch ihr, von dunklem Haar umrahmtes, ebenmäßiges, blasses Gesicht. Die damals bevorzugte Einschlagfrisur im Nacken unterstreicht ihre großen Augen, die unter leicht geschwungenen Brauen ernst und, wie mir scheint, auch sinnlich entrückt in die Kamera blicken. Der Ausdruck ihres Mundes passt sich dem ihrer Augen an; kein grinsendes Verstellen verletzt die Einheit! Zwischen all den unterschiedlichen Abstufungen der Grau- und Schwarztöne erscheint ihr Gesicht zerbrechlich schön, wie helles Porzellan.

Diese Nase kenne ich gut - es ist auch die meine - hallo Ina!
Wenn ich mir vorstelle wie viel Nächstenliebe in dir zu Hause war, fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie dein Leben verlaufen ist.

Geboren zu Beginn des vorigen Jahrhunderts (27. Sept.1903), erlebte sie zwischen ihrem elften und fünfzehnten Lebensjahr den ersten Weltkrieg (1914 bis 1918), durchstand tapfer die Weimarer Republik (1918 bis 1933) und erzitterte unter der grausamen Herrschaft Adolf Hitlers und im zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945). Doch in ihrem Leben gab es mehr, viel mehr. Nachdem sie 1923 ihren geliebten Peter heiratete, schenkte sie in den folgenden elf Jahren vier Kindern, darunter auch meinem Vater Matthias, das Leben. Eines der Kinder, den kleinen Josef-Jakob, verlor sie durch einen Autounfall, als er gerade sieben Jahre alt war.

Trotz Kriegen, Weltwirtschaftkrise und deren Auswirkungen wie Gewalt und nagendem Hunger, schaffte sie es, gemeinsam mit ihrem Ehemann, den Kindern und sich selbst ein gemütliches Heim zu schaffen. Auf dieser Basis konnten viele Familien entstehen; auch die meine und wiederum die meines Sohnes. 1959 verlor Ina ihren geliebten Peter durch eine schwere Krankheit.

Ich kann sie noch immer vor mir sehen: Lächelnd, den früh ergrauten Kopf leicht zur Seite geneigt und ihre von der vielen Arbeit gezeichneten, rheumatischen Hände über dem Bauch übereinandergelegt, in einer ihrer bunten Kittelschürzen inmitten der Küche stehen; dabei versprühen die freundlich blickenden Augen uneingeschränktes Wohlwollen. Weiße Schürzen trug sie ausschließlich an Sonn- und Feiertagen; Rituale waren wichtig. Und immer, ich erinnere mich genau, fanden sich in jenen Taschen einige ihrer heißgeliebten Salmiakpastillen; fand ich nicht alle vor dem Waschgang, gab es verräterische dunkle Flecken auf den wichtigen Kleidungsstücken.

Stets schenkte sie uns ihre Achtsamkeit und war imstande, mir und allen anderen, Wärme und Geborgenheit entgegenzubringen, so dass sich jeder in ihrer Nähe wohl fühlte. Sie war eine nimmermüde Verbreiterin der Zuversicht. Wenn Ina einen Raum betrat, wurde er heller und auch wärmer als zuvor. Ich verehre sie und vieles was sie verkörperte auch heute noch - dreißig Jahre nach ihrem Tod!

Im Alter von achtzig Jahren verstarb sie zu Hause im Kreis ihrer Familie. Zum Abschied sagte sie zu mir: “Lass mich zu meinem Peter gehen, mein Schäfchen. Ich habe alles getan, was getan werden musste.” Dann schloss sie, wiederum lächelnd, für immer ihre müden Augen.

Ohne meine Großmutter wäre ich nicht diejenige, die ich geworden bin! Sie schuf mein emotionales Fundament, auf dem ich bauen und Jahre später, zu einer eigenständigen Frau werden konnte.

Ich vermisse sie sehr!

Niemals wird meine Erinnerung an sie gesichtslos werden; ich trage ihr Bild in mir, und das wird von keiner Zeit der Welt angenagt werden! Das liebevolle Wachhalten meiner Erinnerungen ist meine Hommage an diese wunderbare Frau, meine Ina!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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