Ein Quäntchen Zeit


Karin Klasen


Oma Gerda sitzt auf ihrer Lieblingsbank. Sie genießt die ersten warmen Tage im Jahr und gönnt sich eine wohlverdiente Pause.

Diese Bank steht nicht etwa im stillen Innenhof des Hauses, oder auf der Veranda dahinter. Eine solche würde Oma Gerda nie und nimmer aufsuchen. Nicht einmal, wenn sie mit einer doppelt so dicken Sitzauflage belegt wäre wie die ihre. Die steht nämlich genau richtig; dort, wo das Leben pulsiert; dort, wo die kontaktfreudige Oma gucken kann und wo auch sie angeguckt werden kann, und zwar von jedem der dort vorübergeht. Wozu sonst hätte sie sich eine frische Kittelschürze angezogen? Wozu sonst sich mit der Hausarbeit beeilt?

So sitzt sie zufrieden, die arbeitsamen Hände vor ihrem gut genährten Bauch verschränkt auf ihrem Lieblingsplatz und wartet. Wartet darauf, dass sich schläfrige Ruhe in ihr ausbreitet, und darauf, dass ihre Nachbarin, um diese Zeit stets vom Bäcker kommend, zu einem Pläuschchen bereit sein wird.

Jetzt hat Oma Gerda Zeit um nachzufragen, wieso ihre gestern eingekochte Marmelade nicht zufriedenstellend fest geworden ist. Die Leni, die weiß solche Dinge nämlich ganz genau. Außerdem wird noch Elfriede vorbeikommen; sie holt täglich ihre kleine Enkeltochter vom Bus ab, und wird, wie zufällig, ein bisschen Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens haben - wie immer! Niemals käme Oma Gerda der Gedanke, solche Gespräche seien vertane Zeit, Gott bewahre! Hier auf der Bank wird niemals ein sinnloses, überflüssiges Schwätzchen gehalten; hier werden Chancen genutzt!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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