Ein frostiges Geschenk


Karin Klasen


Gekonnt hat eine eiskalte Nacht den gestrigen Regentag vertrieben. Väterchen Frost hat sich die Feuchtigkeit des vergangenen abends zu eigen gemacht, und hat in der Nacht herrliche Gebilde an die Fensterscheiben des Wintergartens gezaubert.

Lediglich ein schmaler, durchlässiger Streifen, dicht am Rahmen des Fensters, lässt mich blinzelnd erkennen, dass der Morgen klar und hell ist. Beim genaueren Betrachten kann ich die feinen, verflochtenen Ausläufer der Eiskristalle bis hin zum, ihre Ausdehnungsmöglichkeiten begrenzenden, Fensterrahmen sehen.

Fein ineinander verwoben umschlingen sich dicht an dicht frostige Blumenranken. Solch filigranes Kunstwerk, von Menschenhand geschaffen, würde hoch gelobt und teuer bezahlt werden.

Genießerisch ziehe ich meinen weichen Morgenmantel über, kuschle mich vor mein winterliches Geschenk, und bestaune es ausgiebig. Doch selbst durch intensives Forschen gelingt es mir nicht, den Anfang einer der schlanken Ranken zu entdecken; so perfekt verbergen die filigranen Gebilde jegliche Lücken.

Obwohl ich keinen Augenblick mein Kunstwerk außer acht lassen wollte, hole ich mir doch schnell eine heiße Tasse Kaffee aus der Küche. Mit diesem köstlichen Aroma lässt sich die winterliche Gabe besonders gut genießen.

Eine volle Stunde erlaubt mir die Kälte des Morgens die vielen unterschiedlichen Strukturen und Farbnuancen der Kristalle zu bestaunen.

Dann gewinnt die wärmende Morgensonne an Kraft und beginnt die märchenhaften, dichten Gebilde zu durchlöchern. Jetzt kann ich leicht den Anfang so mancher Ranke erkennen; es ist immer noch ein schönes Bild!

Langsam, beinahe behutsam, beginnt mein Eisgemälde sich aufzulösen. Dabei entfaltet es als Höhepunkt, eine Art Eisfeuerwerk, noch einmal seine herrlichen Farbreflexe in rosa-, lila-, silber- und gold glitzernd.

Nun verändert sich das Kunstwerk in viele einzelne Pünktchen, die jetzt als poröse, schillernde Eisfläche erscheinen. Diese unzähligen Winzlinge rinnen ein paar Minuten später als Tauwasser an den Fensterscheiben herunter, und mir wird klar, wie vergänglich alles ist.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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