Ein Eroberer


Karin Klasen


Es ist kurz nach dem Mittagessen; ein wenig Bratenduft liegt noch in der Luft, und meine Oma kuschelt sich nach dem lästigen Abwasch, wie jeden Tag, in ihren heißgeliebten Ohrensessel im Wohnzimmer.

Ich bin froh, dass sie nicht in einem popeligen Sessel sitzt; denn in wenigen Minuten wird sie eingeschlummert sein. Auch heute bewährt sich das Riesenohr erneut. Während nämlich meiner Oma langsam die Lider schwer werden, fällt ihr grauer Kopf mit dem dicken Knoten im Nacken schwer zur linken Seite. Wenn Öhrli, wie wir ihn liebevoll nennen, sie nicht verlässlich von der Seite stützte, gäbe es für sie ein abruptes Erwachen! Ja, ja, er ist kein namenloses Ding, kein Wichtigtuer. Seine riesigen Ohren und wir gaben ihm seinen Namen.

Gut dass Großpapa ihn damals gerade noch rechtzeitig vor dem zermalmenden Riesenmaul des Sperrmüllwagens retten konnte, und wir gemeinsam den Heruntergekommenen wieder liebevoll aufgemöbelt haben. Leuchtend bunte Stoffreste nähten wir dem altertümlichen Kunstwerk auf die vielen kahlen Stellen seines Bezuges; und wenn das wechselnde Licht der Sonnenstrahlen ihn magisch umschmeichelt, sieht es richtig wichtig aus. Die Polsterung lässt allerdings zu wünschen übrig. Sie knurrt und ächzt sogar unter einem Leichtgewicht wie Oma wie ein hungriger Magen. Die vielen mehr oder weniger schweren Popos, die im Laufe der Jahre auf ihm Platz nahmen, haben ihn einfach geschafft.

Selbst wenn seine Sitzfläche leer ist, sieht es aus, als habe sie ein Gesicht! Doch die bunten Stoffflicken geben ihr, ganz im Gegensatz zu Oma, ein peppiges Aussehen.

Wenn sie endlich ausgeschlafen hat, richtet sie sich in ihrem Fleckerlsessel auf und genießt die feierliche Stille, bevor sie beginnt uns eine ihrer herrlichen Geschichten zu erzählen. Manchmal sind sie abenteuerlich, manchmal rätselhaft oder gar geheimnisvoll; märchig sind sie immer! Neugierig lauschen wir ihren spannenden Erzählungen. Niemand wagt es, sie zu unterbrechen; nur Öhrli kann, sobald die Oma sich auch nur ein bisschen bewegt, sein Knurren nicht unterdrücken. Dann lachen wir alle, sogar die Oma; zu komisch, wenn es bedrohlich unter ihr knurrt, obwohl im Märchen gerade der Prinz seine Prinzessin küsst!

So wurde unser Eroberer wieder zu dem, was er schon immer war - ein wichtiger Teil eines Ohrenschmauses!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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