Das Gewundene


Karin Klasen


Das Wort Wurzel kommt, laut Wikipedia aus dem Althochdeutschen und ist Synonym für “Ursache”, “Grund” und “Anlass”.

Bäume können weit gereiste Wesen sein. Sie haben verschiedene Weisen entwickelt, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Ob nun ihre Samen durch anhaltenden Regen in die Flüsse geschwemmt, auf Flügeln durch die Lüfte getragen, von Winden davon geweht oder von Pfoten fortgeschleppt wird, das Leben findet einen Weg. Vermehrung per Anhalter, auch für baumische Zeitverkörperer! Zusätzlich dringen ihre Wurzelsysteme in alle Richtungen vor. Aderngleich winden sich ihre Ausläufer um sämtliche Hindernisse. Unablässig schieben sich die tapferen Pioniere vorwärts. Lebenshungrig erobern sie die krumige Erde, geben ihrer Leidenschaft nach, neues Terrain zu erobern. Wie dargebotenes Manna nehmen die unterirdischen Hoffnungsträger die Stoffwechselprodukte ihrer symbiotischen Partnergemeinschaften, der Pilze, in Form von Nährstoffen auf. So können Ströme von Energie in die oberirdischen Teile fließen, damit der wilde Walzer des Lebens getanzt werden kann. Im nach Halt suchenden kollektiven Wurzelwerk zu dessen dringlichsten Aufgaben die Bildung neuer Lebensräume zählt, herrscht geordnetes Chaos. Seine Bestimmung mit den Elementen zu harmonisieren, verleiht ihm Sinn.

Hin und wieder sind es, wie bei Buchen, Birken, Lärchen und Linden, die Herzwurzelsysteme von Freunden, durch die ich mich sicherer, ja sogar geerdet, fühle. Ein behutsames Miteinander und meine Bereitschaft eigenen Halt zu finden, vermiesen meiner Angst den Appetit zu jagen. Spätestens dann beginnt mein Herz zu tanzen, so dass die Angst vor Veränderung sich mit meinen Fähigkeiten verbünden kann. Unbekannte Möglichkeiten wahrnehmen, damit sie zur Chance werden! Ich will der Summe meiner Narben, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt haben etwas entgegen setzen. Die bedeutende Veränderung nämlich, dass ich mein Leben eben nicht kontrollieren kann und brauche.
Eine chaotische Auffassung? Eine gelungene Illusion? Ich hoffe nicht! Schließlich wurde ich nicht nur geboren um irgendwann ein Grab zu füllen. Ich erhoffe mehr! Diese sehnsüchtig klaffende Wunde lässt mich immer wieder aufbegehren und nach Lösungen suchen. Sie lässt mich fragen, ob ich die geworden bin, die ich hätte sein können. Unter dem Schutz von Freunden geht das. Freunde sind wie Wurzeln, geben mir Halt. Sie kennen mich gut genug mein Denken und Handeln zu bewerten, und tun es eben nicht!
Dagegen denken manche Menschen sie dächten; dabei sortieren sie lediglich ihre Vorurteile neu! Freundschaften, deren Priorität es ist, dass sich jeder einzelne wohlfühlen kann, sind für mich wie lebenserhaltende Wurzelsysteme. Wie der sich fortwährend wandelnde, schwindende und doch immer wiederkehrende Mond ein Versprechen des Lebens nach dem Tod bedeuten kann, so elementar sind meine, sind unser Aller Wurzeln.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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