Das Einparken meiner Meise


Karin Klasen


Wann hört ein Vogel mit seinem Flügelschlag auf, wenn er durch ein enges Schlupfloch in sein Nest fliegen will?

Ich habe mir über dieses ernste Thema ein paar Gedanken gemacht.

In einem popeligen Vogel-Normal-Verbraucher-Nest einzuparken ist ja noch relativ einfach. Jedenfalls kann ich mir das, auch als Nichtvogel, lebhaft vorstellen. Ich meine jedoch eine kompliziertere Variante.

Meine Meise interessiert sich für ein abgeschnittenes Rohr an der Dachrinne unseres Balkons. Dieses Einflugloch kann ausschließlich von unten angeflogen werden.

Ihre ersten Versuche sahen recht komisch, ich möchte fast sagen, unbeholfen aus. Zuerst versuchte sie es von vorn, dann von rechts, später von links, wie auch von oben, natürlich ohne jeden Erfolg!

Doch sie gab nicht auf; sie schien davon überzeugt zu sein, dass es irgendwie funktionieren muss, dort hineinschlüpfen zu können.

Wäre doch gelacht, wenn es meiner Flugkünstlerin nicht gelänge, diesen blöden Stutzen zu überlisten.

Ich kann nur vermuten, dass sie kurz vor dem Ziel eine kleine Rast einlegt, um das enge Einflugloch noch einmal genau ins Visier zu nehmen. Ist das getan, kann sie mit dem nötigen Schwung hindurch gleiten; zumindest habe ich das schon einige Male beobachtet. Das Ganze geschieht allerdings derart rasant, dass ich leider noch immer nicht herausfinden konnte, wie sie das schafft.

Ob sie nun ihre Flügel spreizt, um Stück für Stück durch festen Kontakt mit der glatten Rohrinnenwand durch den Stutzen zu robben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Am Ende parkt sie gar rückwärts ein; das würde mich auch nicht mehr wundern!

Auswärts wird es natürlich einfacher gehen; ich stelle mir vor, dass ihre Flügel eng am Körperchen bleiben, und erst nach Verlassen des Einfluglochs wieder ausgebreitet werden, damit aus dem Sturz ein Flug werden kann.

Vergessen darf meine Meise diese wichtige Kleinigkeit allerdings nicht, sonst geht es steil abwärts, geradewegs ins Katzenrevier.

Ich darf also auf die weitere Meisenlaufbahn gespannt sein.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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