Blind - jetzt halt anders!


Karin Klasen


Seit vielen Jahren erlebe ich im Frühjahr und im Herbst, dass Kraniche, die Vögel des Glücks, in weiten Bögen über unseren Wohnort ziehen. Durch lautes Trompeten kündigen sie sich an, so dass ich innehalte und lausche. Meinen Kopf im Nacken haltend, drehe und wende ich mich in die Richtung, aus der ich das heisere Rufen höre. Sehen kann ich sie leider nicht, weil sie zu weit oben dahingleiten; trotzdem versuche ich es immer wieder! Jedes Mal wünsche ich den aerodynamischen Gesellen einen guten Weiterflug und sicheres Ankommen an ihrem Ziel.

Obwohl ich hin und wieder gern in, statt zwischen meinen Träumen leben würde, habe ich den Vorschlag meines Mannes strikt abgelehnt, die mehrere hundert Kilometer lange Autofahrt zu den Rastplätzen der scheuen Weltenbummler zu unternehmen. Ich war der irrigen Meinung, es lohne sich auf Grund meiner kranken Augen nicht!

Doch eines Tages war meine Sehnsucht nach den Vögeln des Glücks größer als meine hartnäckige Abwehrhaltung. So stehen wir Ende Oktober mit einem unserer Freunde, gegen Abend auf einem der Beobachtungstürme inmitten der Diepholzer Moorniederung. Wie auf einem internationalen Flughafen steuern Tausende von Kranichen nach ihrem luftigen Trip, die Flachwasserbereiche im Moor an. Hier finden sie sichere Schlafplätze für die Nacht, die sie vor Fressfeinden, wie dem Fuchs, dem Wildschwein oder dem Waschbären schützen. In typischer Keilformation, beschreibt mir mein Mann, treffen die Langstreckenflieger hier ein. In den letzten Wochen sind sie mit circa fünfzig Stundenkilometern, zwischen einhundert und eintausend Kilometer weit geflogen. Jetzt haben sie Hunger auf Frösche, kleine Nagetiere, Getreide und Mais! Der Kranichsturm nimmt kein Ende; immer mehr Schwärme landen um uns herum. Die Stimmen der anderen Besucher überschlagen sich, während sie sich die jeweiligen Positionen der Tiere zurufen. Das laute Pochen in meiner Brust signalisiert mir wie aufgeregt ich bin. Wieso nur kann ich keine einzige der grauen Schönheiten erkennen?

Immer lauter erfüllt vielstimmiges Trompeten das weite Moor, die Luft und die ganze Welt um uns herum. Liebend gern lasse ich mich von diesem magischen Gefühl einhüllen wie in einen Zaubermantel. Es ist ein Schwirren, ein Rauschen und heiseres Rufen. Alles scheint in Bewegung, und ich bin mitten in diesem Spektakel! Dankbar und voll Hoffnung, die großen Schreitvögel doch noch sehen zu können, nehme ich diverse Ferngläser an und versuche krampfhaft, hindurchzusehen. Doch alle Versuche, die ich wie unter Zwang durchführe, scheitern - ich bin fassungslos! Müde und erschöpft vom hektischen Nichtwahrhabenwollen, von Versuchen, zu tun, was nicht mehr möglich scheint, gebe ich auf.

Es folgen Tage, die mit weiteren erfolglosen Anstrengungen die Flugkünstler sehen zu können, ausgefüllt sind. Jedoch übt die mystische Macht der Moore durch die wir wandern, einen ganz besonderen Reiz auf mich aus, und spült Tränen der Fassungslosigkeit und Trauer hoch. Es gelingt mir gut, sie vor meinen Begleitern zu verbergen; nur wenn ich allein bin, lasse ich ihnen freien Lauf. In einem der Nachbarorte verläuft eine herrliche Allee. Bäume, wie Säulen mit tief gefurchter Rinde, an die ich meine heiße Stirn lehne, scheinen mir von ihrer Kraft abzugeben, und ich kann ein wenig Glück spüren! Gleichzeitig beginnt sich ein neues Gefühl in mir auszubreiten; eines, das mich stärkt und von der eingebrannten Überzeugung um jeden Preis sehen zu müssen zu befreien versucht.

Wie an jedem Abend warten wir auch heute wieder im Moor auf meine gefiederten Lieblinge. Mit einem Mal, beinahe revolutionär, weiß ich, dass ich nie wieder ein Fernglas brauchen werde! Ich will die Welt, meine Welt, auf eine andere, viel bewusstere Weise wahrnehmen - und meine Sehnsucht nach dem Unerreichbaren nimmt ab! Ich schließe meine Augen und beginne zu “sehen”, wie es mir möglich ist: Den würzigen Geruch des Moores, den ich so liebe, die in Scharen einfliegenden Tiere und die noch immer wärmenden Strahlen der untergehenden Sonne. Das laute Geschwätz der anderen allerdings nervt außerordentlich und stört meine Konzentration. Irgendwie kann ich die Tiere auch erspüren. Meine tiefe Trauer um einen weiteren Sehverlust lässt nach; gibt es doch noch so viel zu “sehen”! Auch dieser Sinnesrausch treibt mir die Tränen in die Augen, aber dieses Mal fühlen sie sich befreiend an. Es sei der kühle Wind, behaupte ich kühn, als ich darauf angesprochen werde, und bin stolz auf mich!

Es kommt mir jetzt doppelt zugute, dass ich mich schon seit geraumer Zeit mit dem Leben der Kraniche auseinandersetze. Ich habe im Internet gestöbert und mit der NABU und dem Naturpark Dümmer Kontakt aufgenommen; habe mir immer wieder Artikel über diese erstaunlichen und störempfindlichenTiere angehört. Und so kann ich die einfliegenden Berühmtheiten, die sich gleich zwei Mal im Jahr auf große Reise begeben, mit geschlossenen Lidern vor mir “sehen”. Ich weiß, dass die Farben des Moores sich um diese Tageszeit mit denen der Tiere malkastenartig vermengen; weiß, dass sich ihre Konturen verschwommen im aufsteigenden Nebel abzeichnen. Nur flüchtig gibt er Bilder frei, nimmt sie und verwischt sie wieder. Schlank und langbeinig stolzieren die beeindruckenden Vögel vorsichtig ein paar Schritte, bis sie schließlich ruhiger werden. Währenddessen dippen sie mit ihren langen Schnäbeln ins seichte Wasser. Dabei heben sie ständig wachsam ihre schönen Köpfe, auf denen die federlosen Kopfplatten rot leuchten. Während die nächsten Schwärme näherkommen und schwungvoll ihre Kreise über uns ziehen, gleiten andere, ihre Flügel noch in voller Spannweite ausgebreitet, elegant in die windgekräuselten, flachen Gewässer des Moores. Nicht der kleinste Zusammenstoß sorgt für Aufregung. Ein Superlativ der Natur! Ich kann sie vor mir sehen, die schlanken, flügelschlagenden Silhouetten dieser Lufthoheiten. Nach gekonnter Landung schreiten auch sie hochbeinig wie anmutig umher, bis sie ihren Schlafplatz gefunden haben. Ihre herrlichen Schmuckfedern, die während ihres Fluges als Flügelspitzen dienen, würdevoll in Pose setzend, lassen sie sich in gebührendem Abstand, von rund 300 Metern, bewundern. Und während ich noch, unterstützt von ihren Rufen, in meinen Seherinnerungen schwelge, bedauert mein Mann, dass er nichts mehr sehen kann, weil Dunkelheit und Nebel sämtliche Tiere und die Landschaft verschluckt hat.

Morgen, noch vor Sonnenaufgang, werden die Schönen wie jeden Tag während ihres Zwischenstopps hier im Moor, zu den abgeernteten Feldern fliegen, um ihre Fettreserven aufzufüllen. Wenn dann die Luftströme der kalten Nordwestwinde zunehmen, nutzen sie, gut genährt, deren Aufwinde, um ihre abenteuerliche und Kräfte zehrende Reise fortzusetzen; eine Multimedia-Show beginnt. Nach einem, durch lautes Rufen geordnetem Abflug, zieht es die grauen Schatten in südliche Länder, wie die Extremadura in Spanien, Frankreich oder auch Afrika.

Den unstillbaren Anteil meiner Sehnsucht, so scheint mir, nehmen sie mit! Meine Augen werden sich nicht mehr hin zum Besseren verändern können, das habe ich tief in mir begriffen. Doch meine Lebenseinstellung dazu, die ist veränderbar!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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