Autopilot wäre super


Karin Klasen


Auf geht’s. Unsere Urlaubsfahrt steht an. Am frühen Morgen, noch hängt dichter Nebel in der Luft, liegen die gepackten Koffer im Auto. Die Tasche mit den bei Laune haltenden Leckereien und der unverzichtbaren Thermoskanne Kaffee wartet griffbereit zu meinen Beifahrerfüßen. In einer guten Stunde, so unser Plan, werden wir uns eine Pause gönnen und frühstücken. In nur vier Stunden seien wir an unserem Ziel, gibt das Navigationsgerät an, nachdem mein Mann es mit den dafür notwendigen Daten gefüttert hat. Super, denke ich, und hoffe, dass wir es heute schaffen, tatsächlich in der angegebenen Zeitspanne anzukommen. Autofahren gehört nicht gerade zu meinen liebsten Tätigkeiten! Während mein Mann den Wagen startet und sein berühmtes “So, dann wollen wir mal”, von sich gibt, muss ich an unsere Urlaubsfahrt im vorigen Jahr denken.

Auch damals starteten wir gut gerüstet, in der Hoffnung unsere blassen Nasen bald in die Sonne halten zu können. Doch nach einer Stunde, wir wollten gerade unser Frühstücksplätzchen suchen, mahnte unser Navi, dass auf Grund eines Staus eine Routenänderung vorgenommen würde. Das elektronische Ding war zwar neu in unserer Mitte, aber wir sagten uns tröstend, dass es wahrscheinlich den besseren Überblick hätte. Da also Madame Navi der Profi unter uns war, schlugen wir die von ihr vorgeschlagene Route ein. Mit Unbehagen bemerkte ich, dass wir von der Autobahn abfuhren, auf der es bisher so schön voran gegangen war. In wilden Kurven ging es durch Orte, deren Namen wir nicht einmal kannten. Wo in aller Welt waren die weiterführenden Verkehrsschilder, die uns wieder “auf Tour” bringen sollten? Und warum bitteschön, hielt Madame ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ihre rechthaberische Klappe? Aufmerksam verfolgten wir die Verkehrsberichte im Radio, doch auf unserer regulären Strecke wurden keinerlei Staus gemeldet. Auch das noch; völlig umsonst waren wir in einer Gegend angekommen, von der wir noch nie gehört hatten. Kampfeslustig forderte ich die Besserwisserin heraus. Nun da es darauf ankam, schimpfte ich, wisse auch sie nicht weiter. Das hätten wir auch alleine gekonnt! Mein Mann versuchte mich zu beruhigen - was ihm jedoch nicht gelang. Ich ärgerte mich über die verloren geglaubte Zeit und dieses scheinbar nutzlose Unterfangen. In Zukunft, das nahm ich mir vor, würde ich ein Veto gegen übereilte Streckenänderungen einlegen! Was aber, wenn Madame, theoretisch, doch einmal im Recht wäre? Ich war überzeugt, dass sie dann eine ruppige Antwort auf Lager haben würde.

Auch damals tauchten Erinnerungen in mir auf, längst darauf bedacht, meinem Ärger Paroli zu bieten. Zum einen konnte ich die Stimme meines Vaters hören und sein verschmitztes Gesicht vor mir sehen, wenn er sagen würde: “Also wir konnten noch Landkarten lesen, hatten ein geschultes Orientierungsvermögen, und die weiterführenden Hinweisschilder hätten wir auch leicht gefunden.” Gedanklich gab ich ihm Recht. Allerdings, so folgerte ich erleichtert, gab es zu Papas Lebzeiten derartige elektronische Spielzeuge nicht, die das Dilemma des Verfahrens hätten aufdecken können! Der Gedanke beruhigte mich einigermaßen.

Zum anderen erinnerte ich mich an ein Tal, das wir durchquert haben, in dem bemerkenswerte Städtchen mit mittelalterlichem Flair lagen. Schmale, kopfsteingepflasterte Straßen wurden von Fachwerkhäusern gesäumt. Angehalten hatten wir nicht, so dass wir sie im Nu wieder hinter uns gelassen hatten. Nicht einmal auf die Ortsschilder hatte ich geachtet. Ehe wir uns versahen, waren wir in einem verschlafenen Örtchen angekommen; und husch, waren wir auch schon wieder draußen, schade eigentlich. Wie aus dem Nebel schreitende Krieger tauchten Bäume zu beiden Seiten der Landstraße auf. Von Zeit zu Zeit blitzten Sonnenstrahlen durchs wabernde Grau.

Wir beschlossen auf einen der nahen Hügel zu fahren. Dort thronte, wie ein ehemaliger Wächter, eine mächtige Burgruine; ein echter Hingucker! Oben angekommen staunten wir: Als führe sie zum Ende der Welt, verlor sich die Straße im Dunst der Ferne. Während im Tal noch letzte Nebelfahnen zogen, genossen wir schon wärmende Sonnenstrahlen. Eine durchaus reizvolle Fahrtunterbrechung, fanden wir. Auf einer robusten Bank konnten wir endlich unser verspätetes Frühstück genießen. Währenddessen war es der Sonne gelungen, die Feuchtigkeit der Luft aufzulösen, und die letzten Wolken vom Himmel zu putzen. Der strahlte dann mit uns um die Wette! Gemütlich unseren Kaffee schlürfend, bestaunten wir das Licht- und Schattenspiel des Morgens. Wohltuende Einsamkeit - himmlisch! Hier hätten wir glatt die berühmten “Gucktmalwowirwarenfotos” machen können. Stattdessen kuschelten wir uns aneinander und süppelten den restlichen Kaffee. Ich spürte deutlich wie die Hetze und mein inneres angespannt sein von mir fielen.

Auf Umwegen hatten wir zur Ruhe gefunden und Futter für unsere Seelen obendrein. Zumindest für diesen Tag, so nahmen wir uns vor, sollte “Eile” ein Fremdwort sein. Unser lauschiges Plätzchen verließen wir nur ungern, denn: Hier wollten wir doch immer schon einmal hin!”

“Da vorn können wir wieder auf die Autobahn auffahren.”, lotsen mich die Worte meines Mannes aus meinen Erinnerungen ins Hier und Jetzt zurück.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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