Aufbruch


Karin Klasen


Mein persönlicher Lebens-Achttausender ist keine sinnentleerte Wortschöpfung, sondern eine, wie ich finde, gute Metapher für ein erstrebenswertes Ziel. Scheinbar unzugänglich und nicht erforscht, liegt es unter der Überzeugung “Das schaffe ich nie!” verborgen.

Seit geraumer Zeit bin ich jedoch beharrlich auf meiner Pilgerreise zum Gipfel meines “Achttausenders”. Sorgsam suche ich nach geeigneten Trittstellen und anderen Möglichkeiten den benötigten Halt zu finden.
Das Zufriedensein scheint mir ein unerschöpflicher Brunnen des Glücks zu sein; ein sicherer Halt sowieso. Ich möchte zufrieden sein können, obwohl ich mich im schmerzlichen und verlustreichen Prozess der Erblindung befinde!
Kein Verstellen mehr, keine Rituale, die sich wie Parasiten in mir eingenistet hatten, um mir selbst und den anderen etwas vorzugaukeln, was nicht mehr ist. Keine ranzig gewordenen Gewohnheiten. Möglichst gar nichts mehr, dass sich nicht gut und richtig anfühlt! Bloß nicht mehr in den alten Trott zurückfallen.
Ich möchte, dass meine Gedanken hin und wieder schweigen, so dass ich ausschließlich eine tiefe innere, Ruhe gebärende, Zufriedenheit spüren kann. Vage hoffe ich sogar darauf Frieden zu fühlen; eine Kostbarkeit des Lebens!
Zuversicht und Hoffnung sind sichere Trittsteine auf meinem Weg, auf denen ich festen Halt finde und die mich zügig weitergehen lassen.

Sämtliche Grenzen, psychische wie physische, haben sich verschoben. Ich werde sie neu ausloten und sie respektieren, statt sie zu ignorieren.
Gewohnheiten und lieb gewonnene Marotten muss ich überdenken und neu definieren.

Was kann ich besser machen? Wie die unausweichlichen Veränderungen ertragen? Wie kann ich meinen Alltag leichter bewältigen? Kann ich das gewohnte zügige Abarbeiten der Dinge abstellen, vielleicht sogar die eine oder andere Verpflichtung weglassen? Nicht mehr mehrere Tätigkeiten gleichzeitig tun, kann ich das? Kann ich meine neuen Maßstäbe erkennen und sie in mein Leben integrieren?
Kann ich aushalten was nicht zu ändern ist?
Bei diesen Gedanken beginnt mein Trittstein zu wackeln. Es ist bestimmt besser, nicht schon im Voraus sämtliche Neuerungen in Frage zu stellen. “Nicht das Misslingen erwarten, Karin”, sage ich mir und “im Basislager bist du schon heil/sicher angekommen.”
Also beginne ich meine bisherigen Strategien gründlich zu entrümpeln, damit ich ausreichend Platz für neue Ideen habe. Ganz oben auf der Entrümpelungsliste steht die Schnelligkeit, das Hetzen. Ich will nicht mehr durch meinen Perfektionismus durch die Tage gepeitscht werden! Will nicht unbedingt und um jeden Preis einen vermeintlichen Erfolg erreichen. Oft stelle ich mich auf die Probe und versuche mit aller Kraft, ja sogar mit aller Gewalt dass nicht mehr Mögliche zu schaffen. Außer einer unbändigen, beinahe erdrückenden Trauer kann ich dann keine andere Regung in mir wahrnehmen. Nicht gerade vertrauenserweckend!
Dabei brauche ich regenerierende Kräfte, um meine umfangreichen Veränderungen herbei zu führen; schließlich will ich mehr als nur überleben!
Diese seelische Expedition ist jedoch kräftezehrend! Meine Belohnung wird die Anstrengung leicht wettmachen; ich stelle mir vor, wie gut und sicher ich mich trotz meiner drohenden Erblindung fühlen werde; und schon gewinne ich an Kraft!
Von meinem Mut und einer beruhigenden Zuversicht flankiert, werde ich mein Ziel erreichen, und gewiss die blinden Passagiere “Hektik”, “Unzufriedenheit”, “Unruhe” und “Verzweiflung”, um nur einige zu nennen, meinen Lebens-Achttausender hinunterstürzen. Von mir aus können sie sich in Erinnerungen auflösen.
Ich hoffe mein Leben wird ruhiger sein, wenn ich erschöpft aber glücklich an meinem Ziel ankomme.

Ich kenne viele mutige Menschen, die ihren Lebens-Achttausender, oder wie immer sie ihre Leistung sich neu zu definieren nennen mögen, bewältigen. Um nicht für immer in irgendeiner Gletscherspalte zu versinken, oder durch Orientierungslosigkeit verloren zu gehen, darf ich mein Ziel nie aus dem geistigen Auge verlieren; schließlich will ich nicht im Wirbel der auf mich einstürmenden Ereignisse den Halt unter den Füßen verlieren. Also sichere ich meinen Aufstieg durch die Steigeisen Beständigkeit und Optimismus.

Erschwerende Lebenssituationen haben mich nicht zerbrochen, sondern zäh und ausdauernd werden lassen; haben außergewöhnliche Kräfte in mir freigesetzt. Gut eingebunden in die Seilschaft Willenskraft und Ausdauer werde ich meinen Weg zum Gipfel-Ziel finden! Hin und wieder spüre ich auch eine Kameradin in mir, die mich leidenschaftlich am Schlawittchen packt um mich aus irgendeinem Schlamassel zu ziehen.

Derart gut gerüstet werde ich auf meinem Lebens-Achttausender ankommen!
Na dann: “Berg Heil!”

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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