Auf Schusters Rappen


Karin Klasen


Der Morgen graut und der bleiche Mond versinkt allmählich hinter den hohen Thujahecken des Gartens. Neugierig drängen sich die neuen Stunden in den erwachenden Tag. Die Luft ist klar und frisch. Eine Vogelschar singt vielstimmig, was die geübten Kehlen ihrer Sänger hergeben.

Nach einem ausgiebigen Frühstück gehe ich in Richtung des Waldes los. Ich liebe Orte der Stille und Einsamkeit. Hier, in der Abgeschiedenheit, im Windschatten des Massentourismus, komme ich schnell zur Ruhe. Vorbei an blumengesprenkelten Wiesen und Weiden, auf denen widerkäuende Kühe sich durch ständiges Schlagen ihrer Ohren der Invasion von blutsaugenden Plagegeistern zu erwehren versuchen. Kein Mensch ist zu sehen, nur eine hechelnde Promenadenmischung sieht mit treuem Blick zu mir herüber. In diesem Landschaftsmosaik nehmen die blühenden Rapsfelder den auffälligsten Platz ein; ein Duftgeheul ganz besonderer Art. Wie grüne Meereswellen wogen Felder im warmen Wind. Das taufrische Gras am Wegesrand reicht mir bis zu den Knien. Noch steif von der Kühle der Nacht, krabbeln Insekten die Halme hinauf.

Weit ab von den abgasverseuchten Straßenschluchten der Städte fühle ich meine tiefe Verbundenheit zur Natur. Weder Autos, noch Motorräder; nicht einmal die sonst auf allen Straßen und Wegen in Scharen radelnden Pedalritter treffe ich hier an. Wohin ich auch sehe dominiert farbenfreudiges Leben in dichter Fülle; artenreiches Wachstum überall.

Querfeldein marschiere ich zu einem nahegelegenen See, der aus einiger Entfernung wie ein Juwel funkelt. Wie leuchtende Pfeile schießen die Strahlen der Sonne auf die Wasseroberfläche und lassen sie aufblitzen. Anschließend verlieren sie sich im Dunkel des Wassers. Ich lege eine Rast ein, nehme meinen Rucksack ab, strecke mich genießerisch am Ufer aus und schließe meine Augen. Neben mir raschelt das Schilf, vor mir rauscht der Wald, und hoch über mir höre ich die heiseren Rufe der Bussarde - Naturkino pur! Unzählige Libellen surren im Schwebflug über den, von dunkelgrünen Kiefern und Fichten umstandenen Schatz. Zwischen pink- und rosafarbigen Seerosen, die von ihren großen, grünen Blatttellern umgeben sind, quaken lauthals ein paar Frösche. Mit lautem Klatsch hüpfen sie auf die schwankenden Riesen, deren Lotoseffekt die Wassertropfen im Nu wieder abperlen lässt. Ein paar Enten fordern mich schnatternd dazu auf, mein Brot mit ihnen zu teilen; aber gern! Noch immer die Natur bewundernd, werfe ich ihnen mechanisch einige Brotkrumen zu. Sie streiten sich lautstark, bis ein paar von ihnen auffliegen und schimpfend das Weite suchen. Lächelnd bestaune ich das quirlige Leben.

Von hier führt mich ein, mit Schlaglöchern durchsetzter Pfad noch ein Stück am See entlang, dann scheint er sich im sattgrünen Waldgürtel zu verlieren. Der spanisch-blaue Himmel hat sich mit duftig-weißer Dekoration geschmückt; und ich bin guter Dinge. Im hochstämmigen Wald angekommen, in dem es auf den ersten Blick weder Weg noch Steg gibt, ist die Luft angenehm kühl. Wie dicke Adern ziehen sich viele Wurzeln über den Boden. Schlängelnd begrüßt mich ein kleiner Bach und begleitet mich murmelnd einige Minuten. Als sei er in die Landschaft gegossen, leuchtet knallgelber Ginster durch das strotzende Grün. Ich lasse mich treiben, tue was mir gerade in den Sinn kommt; schaue hier und staune dort. Eben habe ich doch einen Pfad entdeckt. Moosig gewunden, wie ein glitschiges Reptil, bietet er mir seine Führung an. Also mache ich einen Abstecher zu den Überresten einer Burganlage, die auf einer Anhöhe dicht am Waldgürtel thront. Alte Linden umgeben das, wie im Dornröschenschlaf liegende, alte Gemäuer. Ich setze mich an einen der Stämme auf die Erde und schaue in die Ferne.

Das hügelige Tiefland mit seinen ausgedehnten Weideflächen wird von Bergen umsäumt. Meine Blicke wandern über das eindrucksvolle Panorama der Riesen, die wie in Stein gegossene Erinnerungen dastehen, und mein Respekt vor der grandiosen Natur wächst unaufhörlich. Auch den kleinen Ort, dessen Häuser allesamt zinnoberrot gedeckt sind, und die mir wie Spielzeuge vorkommen, kann ich von hier erkennen. Jetzt, in der Mittagszeit, flimmert die aufgeheizte Luft über der sonnenverwöhnten Ebene und scheint stillzustehen. Beinahe andächtig erlebe ich eine Schönheit, die mich verstummen lässt; der Frieden scheint genau hier zu wohnen! Allerdings sorgen die tropischen Temperaturen für drückende Schwüle. Die Sonne brennt als würde sie dafür belohnt werden. Kein Blatt bewegt sich, kein kühlender Lufthauch streift mich.

Vor dem märchenhaften Blau des Himmels bilden sich fantastische Wolkenberge, die sich immer dichter zusammentreiben lassen, ganz so, wie der mittlerweile aufkommende Wind es befiehlt. Er sei, so sagt man, der Atem der Götter, also genieße ich die Abkühlung doppelt, denn soeben fällt er mir ungestüm in den Rücken. Wuchtig stellen sich die Berge den heranbrausenden Sturmwolken entgegen. Schnell ist der Himmel völlig bedeckt. In einer spektakulären Momentaufnahme erscheinen mir alle Farben der Natur verwaschen wie ein Pastellgemälde!

Eine Windböe treibt eine Plastiktüte vor sich her, so, als wolle er sie fortkehren. Dann lässt er von ihr ab, aber nur, um sie mit neuem Schwung wieder herumzuwirbeln, als wolle er eindringlich demonstrieren, wer hier das Sagen hat. “Was hast du denn hier zu suchen?”, frage ich allen ernstes, hebe den künstlichen Eindringling auf und stecke ihn in meinen Rucksack. Unermüdlich fächelt der Wind angenehme Kühle heran. Dann erlöst ein heftiger Regenschauer das Land, wie auch mich, und bricht die Gewalt der sommerlichen Hitze. Gleich darauf taucht die Sonne triumphierend hinter einer der abziehenden Wolken auf. Anschließend zieht die Feuchtigkeit in dichten Schwaden wieder nach oben.

Wie ein gigantischer Fächer wölbt sich jetzt ein Regenbogen in schimmernden Farben über das Tal. Hätte ich Flügel, schwebte ich gekonnt und würdevoll in der Thermik hoch über “meinem” sonnenverwöhnten Land.

Der langsam versinkende Sonnenball vergoldet das Wasser des Sees, der mir jetzt unwirklich schön erscheint. Die Silhouetten der Bäume auf dem Hügel vor mir zeichnen sich scharf gegen den Horizont ab. Sonnenschlafenszeit und Aufbruchstimmung!

Wieder im Tal und an meinem Ausgangspunkt angekommen, begrüße ich einen blank geputzten Sternenhimmel!

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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