Verserzählung aus meiner Kindheit


Irene Kersting

Beitrag zum Joachim-Schnell-Schreibwettbewerb 2008.
Die in das Werk einzufügenden Pflichtwörter waren: Geduld, Hocker, Hund, Leiter, Lüge, Luftballon, Schaukel, Sorge und Treppenhaus.


Auf dem Hocker, unverdrossen,
die alte Leiter in der Hand,
saß Alex, ganz ohne Possen,
und er prüfte alle Sprossen,
sie hielten seiner Probe stand.
Ich sah ihm dabei gerne zu,
er tat die Arbeit mit Geduld.
Kaschan, der Hund gab keine Ruh,
denn er bellte immerzu,
doch daran hatte niemand schuld.
Aus Weißrussland kam Alex her,
und ist nach dem Krieg geblieben.
Alle im Hause mochten ihn sehr,
Peppi, die Magd, noch viel, viel mehr,
auch sie war heimatvertrieben.
Sie war ohne Falsch und Lüge,
ich traf sie oft im Treppenhaus.
Quälte mich nebst einer Rüge
die Sorge, wie ich mich nun füge,
half sie mir aus der Not heraus.
Als in der Stadt das Volksfest war,
wollt' ich es auch erleben.
Doch das Geld war bei uns rar,
ich träumt' davon schon letztes Jahr,
als könnt' es nichts Schöneres geben!
Was ich kaum zu hoffen gewagt,
eines Sonntags wurde es wahr,
die Eltern hatten “Jaö gesagt,
als die Peppi sie gefragt,
ich durfte mit - wie wunderbar!
Da gab es soviel zu sehen!
Auf die Schaukel ging ich nicht,
denn ich wollte weitergehen,
blieb bei den Luftballons stehen,
sie waren so bunt, so leicht und licht!
Alex gab mir den Luftballon,
den ich am allerschönsten fand.
Vor Glück sagte ich keinen Ton,
hielt ihn nicht fest - er flog davon -
ohne mich ins Märchenland!

(c) Irene Kersting / Fulda


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