Schöner Septembertag


Irene Kersting


Oft kommt uns auf unseren Wegen
ein glücklicher Zufall sehr gelegen,
wie z. B. in der Geschichte,
die ich nachfolgend berichte:

Die Anna, sehend, und der Hans, fast blind,
die am gleichen Ort ansässig sind,
fahren gern in die nahe Stadt,
die viel Gutes zu bieten hat.

Der Bauernmarkt ist bei beiden beliebt,
weil es dort stets frische Ware gibt.
Dann treffen sie sic h manchmal im Zug,
und für ein Schwätzchen ist da Zeit genug

An einem schönen Septembertag,
der so strahlend schön vor Anna lag,
eilte sie früh zur Bahn, des Marktes wegen,
da pendelte ihr ja schon Hans entgegen!

Er kam sehr früh aus der Stadt zurück.
Dass sie ihn hier traf, das war sein Glück.
Sie erschrak, denn er war kreideweiß,
in allen Poren stand der Schweiß.

Seine Weste war nass, fast zum Ausringen,
da wollte sie ihn zum Doktor bringen.
Doch sein Wunsch war, nach Hause zu gehen,
da blieb sie nicht lange unschlüssig stehen,
nahm seinen Arm, um ihn zu führen
und musste seine Abwehr spüren.

Er sprach ganz klar, doch war sonst wie im Wahn,
und drängte blindlings hin auf die Fahrbahn.
Er zerrte hin, und sie zerrte her,
das war ihr auf die Dauer viel zu schwer.

In ihrer Angst hielt sie ein Auto an.
Am Steuer saß ein freundlicher Mann,
mit Brille in mittleren Jahren.
Sie bat ihn, den Hans heimzufahren,
beschrieb ihm die Straße und das Haus,
und er sagte: Ich kenne mich aus!

Wie bekam sie nun Hans ins Auto hinein?
Er war recht groß und schwer und sie war klein.
Doch sie hat es geschafft, die zwei fuhren los,
und sie dachte bei sich: was hat er denn bloß?

Als sie am Mittag nach Hause kam
Und von Hans kein Lebenszeichen vernahm,
da hat sie meine Nummer gewählt
und mir ihr Erlebnis erzählt.

Das war ein Zuckerschock, warf ich lauthals ein,
und der kann lebensgefährlich sein!
Anna hat nicht gewusst zu dieser Frist,
dass der Hans ein Diabetiker ist.

Was war nun inzwischen mit Hans geschehen?
Er wollte alleine zur Haustür gehen,
im Gras ist er zusammen gebrochen,
davon wird noch heute gesprochen.

Doch der Fahrer, der ihn aufgelesen,
ist sein früherer Nachbar gewesen,
der nun alles Nötige unternahm,
damit Hans schnell ins Krankenhaus kam.

Dort hat sich später heraus gestellt,
dass ihm ein Stück Erinnerung fehlt.
Er weiß nicht, dass Anna ihm geholfen hat,
als er zurück kam aus der Stadt.

Auch was danach mit ihm geschah,
das ist in seinem Gedächtnis nicht da.
Doch sein Zucker ist nun wieder im Lot,
denn Hans bekam Hilfe in großer Not.

(c) Irene Kersting / Fulda


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